Eines muss man Joseph Kabila lassen: Einen so kreativen Wahlbetrug hat vor ihm noch kein Autokrat hingelegt. Durch Stimmfälschung hat der ehemalige kongolesische Präsident einem Oppositionellen das höchste Amt im Staate zugespielt, er selbst behält die Kontrolle über Parlament und Armee, genießt Immunität als Senator auf Lebenszeit und lässt dabei lächelnd die Demokratie hochleben – dieses Modell des Machterhalts könnte Schule machen.

17 Jahre hat Kabila über die "Demokratische Republik Kongo" geherrscht, einen der größten und rohstoffreichsten Staaten Afrikas. Weil ihm die Verfassung eine weitere Amtszeit verwehrte, schickte er bei den Wahlen im Dezember einen handverlesenen Stellvertreter ins Rennen, der ihm den Präsidentensessel warmhalten sollte. So wie es einst in Russland Dmitri Medwedew für Wladimir Putin getan hat. Doch dieser Stellvertreter hat so extrem wenig Stimmen bekommen, dass Kabila einen der Gegenkandidaten zum Sieger erklären ließ: Félix Tshisekedi, dessen Qualifikation vor allem darin liegt, der Sohn des legendären Oppositionspolitikers Étienne Tshisekedi zu sein. Er wurde vergangene Woche im Amt vereidigt. 

Viele internationale Kommentatoren bezeichneten dieses Wahlergebnis als den "ersten friedlichen Machtwechsel" seit der Unabhängigkeit des Landes 1960. Das ist bestenfalls ein Euphemismus. Tshisekedi hat offenbar nicht einmal 20 Prozent der Stimmen erhalten. Eindeutiger Wahlsieger mit rund 60 Prozent ist der Oppositionskandidat Martin Fayulu, ein ehemaliger Öl-Manager, der im Fall seiner Präsidentschaft Kabila und seine Entourage wegen Korruption und Bereicherung zur Verantwortung ziehen wollte.

Es gibt keinen "friedlichen Machtwechsel"

Trotzdem hat sich die internationale Staatengemeinschaft damit abgefunden. Westliche Regierungen hielten sich mit Kritik am Wahlbetrug zurück, die UN ebenso. Die Afrikanische Union hat ihre anfänglich geäußerten "ernsten Zweifel" an Tshisekedis Sieg zu den Akten gelegt, ebenso wie der regionale Staatenverbund "Southern African Development Community" (SADC) seine Forderung nach einer neuen Auszählung der Stimmen.  

Und auch Fayulus Anhänger haben sich offenbar damit abgefunden – vorerst jedenfalls. Viele fürchten, dass der Kampf um eine Neuauszählung die Armee und die Kabila-loyale Eliteeinheit der "Republikanischen Garde" auf den Plan gerufen hätte. Im Vorfeld der Wahlen waren zahlreiche Teilnehmer von Kundgebungen gegen Kabilas Manipulationsversuche von Armee und Polizei getötet worden. Auch Fayulu wurde bei einer Demonstration angeschossen.

Die Nachfrage nach Kobalt boomt

Wie es dem Land unter seiner Präsidentschaft ergangen wäre, bleibt also bis auf Weiteres Spekulation. Seine Allianz besteht keineswegs nur aus integren Reformern. Zu seinen Verbündeten zählt unter anderem Jean-Pierre Bemba, ehemaliger Warlord im kongolesischen Bürgerkrieg, vom Internationalen Strafgerichtshof zunächst wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt, in der Berufung dann freigesprochen.

Der neue Präsident Tshisekedi hingegen gibt wenig Hoffnung auf einen Wandel. Er hat zwar die Freilassung politischer Gefangener angekündigt. Sollte er aber ernsthaft versuchen wollen, das ökonomische Netzwerk des Kabila-Clans zu beschneiden, geht er auf Konfrontationskurs zu dem Mann, der weiterhin die meisten Fäden in der Hand hält.

Und wie es dem Land nach 17 Jahren Kabila geht, lässt sich klar beschreiben. Der Kongo ist unendlich reich an Rohstoffen und seine Bevölkerung verharrt in Armut. Das Land zählt derzeit zu den größten Exporteuren von Kupfer, hat die weltgrößten Reserven an Koltan und deckte 2017 geschätzte 58 Prozent der weltweiten Förderung von Kobalt ab.

Die Nachfrage nach Kobalt boomt, weil der Rohstoff für die Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien unerlässlich ist. Mit ihnen werden Laptops, Smartphones, aber auch Elektroautos und Energiespeicher betrieben. Ohne Kobalt keine Energiewende. Der Abbau des grau-blauen Erzes ist ein Milliardengeschäft. Wie zuvor schon die Förderung von Rohdiamanten, Gold, Koltan – alles im Boden des Kongo zu finden.