Aber Trump muss dämmern, dass die Zeit gegen ihn läuft, wenn er schon daran denkt, den nationalen Notstand auszurufen. Seine Beraterinnen und Berater werden ihm kaum die Umfragen vorenthalten, nach denen die wachsende Mehrheit der Amerikaner ihm und den Republikanern die Schuld am Shutdown gibt (und im Übrigen auch wenig Liebe für die Mauer hat) – kein gutes Vorzeichen für die nächsten Wahlen 2020, auf die schon alle den Blick richten. Der Spalt zwischen Trump und seiner Partei wächst bereits und die Basis bröckelt.

Das gibt auch den Demokraten im Moment wenig Anlass, ihren Widerstand gegen die Mauerpläne aufzugeben. Sie haben viel zu verlieren. Jeder Schritt, den sie Trump entgegenkommen, gefährdet ihren eigenen gerade jetzt so wichtigen Zusammenhalt. Und nachdem die Midterms zahlreiche junge, ausgesprochen linke und zugleich populäre Kräfte in den Kongress gebracht haben, ist es darum nicht optimal bestellt. Irgendwann läuft die Zeit auch wieder gegen die Demokraten, denn je länger der Shutdown andauert, desto mehr werden sie unter Druck geraten, etwas zu tun, um ihn zu beenden – sie könnten also zu einem zumindest symbolischen Kompromiss gezwungen sein (der in diesen Tagen aber kaum vorstellbar ist).

Vorerst jedoch gehen die Demokraten kein großes Risiko ein, wenn sie den Einsatz erhöhen. Nancy Pelosi, Trumps starke Gegenspielerin als Sprecherin des Repräsentantenhauses, hat dem Präsidenten beispiellos deutlich gemacht, in welche Lage er sich manövriert hat. Ende Januar hätte Trump vor dem Kongress traditionell die Rede zur Lage der Nation halten sollen und Pelosi hat ihn im Prinzip eiskalt ausgeladen. Sie bat um eine Verschiebung bis nach dem Shutdown, ansonsten könne der Präsident seine Botschaft schriftlich mitteilen. Der gewöhnlich pompöse Auftritt im Kapitol ist tatsächlich nicht zwingend, Trump bräuchte dafür Pelosis Zustimmung und die Verfassung fordert lediglich, dass der Kongress "von Zeit zu Zeit" informiert werden muss.

Nicht bloß ein politisches Spielchen

Das wäre leicht als politisches Spielchen abzutun, böswillig als ebenso unangemessen zu sehen wie Trumps Handeln. Manche Republikaner sehen es so: Der Präsident wird einer Bühne beraubt, die ihm zusteht. Doch einerseits sind Pelosis Argumente valide: Die Sicherheitsvorkehrungen für diese Regierungserklärung vor beiden Kongresskammern wären enorm, während die Ressourcen dafür durch den Shutdown geschwächt sind. Andererseits hat die Demokratin dem Präsidenten vielleicht sogar einen Gefallen getan. Denn die State-of-the-Union-Rede ist oft mehr schöner Schein, als dass sie die Politik inhaltlich weiterbrächte. Sie wäre eine glamouröse Show, während das Land leidet und von seinen Repräsentanten erwartet, dass sie ihren Job machen, und damit nicht die beste Idee. Auch die Abgeordneten und Senatoren sähen dabei nicht gut aus.

Das Signal, das davon ausgeht, ist überdies richtig: Dies ist eine ernste Krise, deren Lösung oberste Priorität haben muss. Wenn die Regierung weitgehend stillsteht, dürfen die Politiker nicht an anderer Stelle so tun, als ginge das gewohnte politische Leben einfach weiter. Der Shutdown, denn dieser ist längst nicht der erste und wird auch nicht der letzte sein, er ist in Washington viel zu normal geworden. Und die wirtschaftlichen Kosten, mit denen er das Land belastet, können schnell die Mittel übersteigen, die Trump für seine Mauer fordert.