Diese Gelbweste könnte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron retten: Die Krankenschwester Ingrid Levavasseur hat eine Liste für die Europawahlen in diesem Mai gegründet. Sie will in Brüssel dafür sorgen, dass die Stimme der Enttäuschten zu hören ist. "Die unteren Schichten leben nicht, sie überleben", sagt sie. Doch Levavasseur wird von vielen ihrer gelben Mitkämpfer angefeindet. Sie habe die Bewegung verraten, sie habe sich verkauft, schreiben sie in den sozialen Medien.

"Wir sind eine politische Bewegung und müssen da mitmischen", kontert sie. Levavasseur ist die Reala der Gelbwesten, während ihre Bewegung fast nur aus Fundis besteht. Die Protestler werden entweder als rechts- oder linksextrem darstellt. Levavasseur aber wählte bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen zuerst grün und dann Macron, um in der Stichwahl die Rechtsextreme Marine Le Pen zu verhindern. "Ja, wir haben zuerst gegen höhere Benzinpreise revoltiert, aber ich kann trotzdem die Umwelt schützen wollen", sagt sie. Schon im November wurde sie zu einer der ersten Sprecherinnen der Aufständischen. Schnell erkannten französische Journalisten und Journalistinnen, dass die 31-Jährige überzeugend reden kann und versöhnlichere Töne anschlägt als manche ihrer schimpfenden Kollegen am Kreisverkehr. Mehrere Fernsehteams besuchten sie zu Hause, in ihrem Wohnzimmer kommentierte sie die Vorschläge von Macron auf die Proteste.

Tatsächlich wirkt die 31-Jährige mit den langen roten Haaren vor dem Mikro neben den aufgebrachten Gelbwesten auf der Straße beruhigend. Am Wochenende hatten beim Akt XI wieder knapp 80.000 Menschen demonstriert. Erneut standen sich Polizistinnen und Demonstranten unversöhnlich gegenüber. Der bekannte Protestler Jerôme Rodriguez zeigte auf seiner Facebook-Seite live, wie er möglicherweise von einem Splitter einer Tränengasgranate am Auge verletzt wurde. Sein Video ist das meistgesehene von der vergangenen Demo.

Levavasseur hingegen ging zum ersten Mal nicht auf die Straße: Aufgrund der Hasslawine gegen sie traute sie sich nicht, an der Demo teilzunehmen. Die Gelbwesten schadeten sich selbst, wenn sie ihre Wut gegen ihre eigenen Leute richten, sagte sie.

Ihre Europakandidatur erklärt sie so: "Ich will die Politik von innen verändern." Dass die meisten ihrer Forderungen, etwa höhere Gehältern für Pflegeberufe, nicht in Brüssel verhandelt werden, spielt für sie keine Rolle: "Ich nutze die Chance der nächsten Wahl und hoffe, dass die Gelbwesten künftig auch in den Gemeinderäten und der Nationalversammlung vertreten sind." Sie wolle die Anliegen der Vergessenen in die Parlamente tragen. Dazu gehören für sie höhere Löhne für die Armen und höhere Steuern für Reiche. Die Ankündigung von Macron, den Mindestlohn für die meisten um 100 Euro zu erhöhen, bezeichnet sie als Nebelkerze. "Ich hatte einen harten Job in einem Krankenhaus und habe 1.250 Euro netto verdient. Wir müssen das gesamte System ändern."

Ein Verein für die Europawahlen

Levavasseur hat keine Partei gegründet, sondern einen Verein für die Europawahlen. Politische Gruppierungen können in Frankreich ebenso kandidieren wie Parteien. Als Spitzenkandidatin hat Levavasseur das Recht, eine Liste aufzustellen. Auf ihr stehen bislang zehn Personen, vom Gabelstaplerfahrer über die Hausfrau bis zum Handwerker. Weitere 69 Menschen, entsprechend den 79 Sitzen für Frankreichs Kandidatinnen und Kandidaten im Europaparlament, sollen sich in den kommenden Wochen finden.

Ihre Liste wirkt wie ein Gegenentwurf zu Macrons Abgeordneten, die überdurchschnittlich häufig leitende Angestellte oder selbständige Gutverdiener sind. "Ich bin eine von euch", beschwört sie die Gelbwesten. Sie habe schon vielen Prominenten absagen müssen, die kandidieren wollten, sagt sie. Sie wolle lieber eine "bunte Liste der Leute aufstellen, die von Anfang an an den Kreisverkehren für die Gelbwesten gekämpft haben, keine Technokraten".

Eine Woche nach der Gründung der Gruppierung ist ihr Kampagnenleiter Hayk Shahinyan abgesprungen – er habe sich zu schnell zu diesem Projekt hinreißen lassen, das doch eigentlich seinen Überzeugungen widerspreche, schreibt er auf seiner Facebook-Seite. Offenbar sind viele Gelbwesten hin- und hergerissen, ob der Marsch durch die Institutionen ihren Ideen zur Umsetzung verhelfen kann.

Ungewollt könnte Levavasseurs Kandidatur bei den Europawahlen allerdings Macron helfen – dem Staatschef, dem in Umfragen historisch wenige Franzosen vertrauen. Denn Levavasseurs Wählerinnen und Wähler werden Macrons stärksten Kontrahenten fehlen – und somit die Partei des Liberalen stärken. Würde Macrons Partei ohne die Gelbwesten-Liste womöglich an zweiter Stelle hinter dem rechtsextremen Rassemblement National (RN) landen, könnte es mit dieser Liste zu Platz eins reichen, wenn Levavasseurs Liste Wählerinnen und Wähler sowohl vom RN als auch den linken Insoumises abziehen würde.

Laut Umfragen könnte sie zwischen 7 und 13 Prozent der Stimmen erhalten und damit auf dem dritten Platz hinter Macrons REM und den Rechtsextremen landen. Kritische Kommentatoren in den sozialen Medien sehen darin einen Hinweis, dass Macron oder ihm nahestehende Industrielle Levavasseur gesponsert hätten. Sie selbst aber sagt, die Liste habe kein Geld und hoffe auf Spenden von Sympathisanten, die in Frankreich auf 4.600 Euro begrenzt sind. Laut der Zeitung Figaro müsste die Liste noch 700.000 Euro aufbringen, um eine frankreichweite Liste aufstellen zu können.