Manche Sportarten kennen sich gut aus mit Unentschieden. Im Fußball endet jedes dritte oder vierte Spiel mit einer Punkteteilung, Schach findet manchmal wochenlang keinen Sieger, siehe die WM im vergangenen November. Im Handball dagegen ist ein Spiel, bei dem es keinen Sieger und Verlierer gibt, selten.

Natürlich gibt es auch im Handball Unentschieden. Und dann gibt es Unentschieden, bei denen man sich unsicher ist, ob nicht doch ein Team verloren und das andere gewonnen hat. Tief hängen die Schultern auf der einen Seite, laut ist der Jubel auf der anderen. So ein Spiel war das WM-Vorrundenmatch Deutschland gegen Russland.

Die Deutschen sahen nach dem 22:22 so aus, als hätten sie verloren. Die Russen, der dritte deutsche Vorrundengegner, lagen sich in den Armen, hüpften im Kreis, obwohl sie mit der gleichen Punktzahl aus dem Spiel gingen wie Deutschland.

Dieses Ergebnis fühlte sich für die Russen so schön an, weil es sich während der Partie nicht wie eine Ahnung angeschlichen hatte, sondern am Ende plötzlich und für alle überraschend auf der Tafel stand.

Noch sieben Minuten vor dem Ende hatte die Russen vor Verzweiflung ihre Trikots zwischen die Zähne genommen. Ihre Niederlage deutete sich an, als ihr bester Werfer, der Linksaußen Timur Dibirow, einen Ball durch die ganze Halle aufs leere deutsche Tor pfefferte. Und nicht traf.

Die Deutschen führten weiter 20:17. Hätte man in die Halle, die nach dem Fehlwurf wegen des Geräuschs tausendfach aneinanderschlagender Klatschpappen dröhnte, gerufen, das hier werde ein Unentschieden, man wäre wohl selbst jemand zum Draufhauen geworden.

Dibirow war der beste Mann

Dann nahm der Trainer Christian Prokop erneut für den Angriff den Torhüter raus, um eine Überzahl zu schaffen. Und Steffen Weinhold hatte eine eigentlich gute Idee, als er freigespielt wurde. Doch warf er aus acht Metern den russischen Torhüter Viktor Kireew an. Ein Wendepunkt im Spiel, denn Patrick Wiencek kassierte kurz darauf eine harte Zweiminutenstrafe, Russland bekam Siebenmeter, Dibirow erzielte das 18:20. 

Dann erlebte Berlin den ersten Unentschiedenmoment dieses Abends, den Augenblick, ab dem sich alles, was vorher war, auflöste und das Spiel neu begann. Fabian Böhms Wurf ging vom Innenpfosten an die Latte, nicht ins Tor. Danach punktete wieder Dibiriow mit einem kunstvollen Dreher aus dem Handgelenk. Russland war beim 19:20 der Punkteteilung plötzlich sehr nah, erstmals in dieser Partie.

Bei den Russen war Dibirow der wichtigste Mann. Er, der mit dem Trainer der Russen, Eduard Kokscharow, und drei weiteren Spielern aus Russlands Team 2017 mit Vardar Skopje die Champions League gewann, traf vorn aus den unmöglichsten Positionen – und ist nun hinter Uwe Gensheimer der zweitbeste Torschütze des Turniers. Hinten verteidigt der 35-jährige mit der Glatze und dem Bart vorgezogen vor den anderen, störte das Aufbauspiel der Gegner. Der Kleinste auf dem Feld lauerte wie immer zwischen den Hünen auf einfache Ballgewinne. "Das haben die sehr gut gemacht", sagte Deutschlands Patrick Groetzki nach dem Spiel.