Die Provinz Idlib ist das letzte noch von Rebellen gehaltene Gebiet in Syrien. Immer wieder hat der syrische Machthaber Baschar al-Assad gedroht, die belagerte Provinz im Norden des Landes zurückzuerobern. Das könnte nun bald bevorstehen, denn in Idlib hat die Dschihadistenmiliz Hajat Tahrir al-Scham ihre Macht noch einmal deutlich ausgeweitet. Was das für die dort eingeschlossenen Menschen bedeutet, erklärt der syrische Politikwissenschaftler Haid Haid im Interview. 

ZEIT ONLINE: Herr Haid, die großen bewaffneten Gruppen in Idlib haben ein Abkommen geschlossen. Demnach soll das Dschihadistenbündnis Hajat Tahrir al-Scham (HTS) die Herrschaft über die ganze Provinz übernehmen. Wie ist diese Vereinbarung zustande gekommen?

Haid Haid: Die Einigung erfolgte nach vielen intensiven Gefechten. Die Dschihadisten hatten in der Provinz Aleppo innerhalb von Tagen verfeindete Rebellen aus vielen Dörfern vertrieben. Dann sind sie weiter vorgerückt bis Idlib. Dort haben sie gegen verschiedene Islamisten- und Rebellengruppen gekämpft, wie Ahrar al-Scham oder Sukur al-Scham, die zu der von der Türkei unterstützten Nationalen Befreiungsfront gehören.

Weil diese Fraktionen im Kampf gegen HTS von den restlichen Rebellengruppen nicht unterstützt wurden, hatten sie keine andere Wahl, als sich auf einen Deal mit HTS einzulassen. Denn das erlaubt es ihnen, weiter zu existieren, auch wenn sie dafür die zivile Verwaltung der sogenannten Erlösungsregierung übertragen und einige Kämpfer ihre Waffen abgeben müssen.

ZEIT ONLINE: Die sogenannte Erlösungsregierung wurde von HTS als Verwaltungsorgan gegründet. Sie kontrollierte davor schon große Teile von Idlib, nun auch Teile der Nachbarprovinzen Hama und Aleppo. Wie kann man sich diese Kontrolle vorstellen?

Haid: Das ist noch unklar. Hajat Tahrir al-Scham hat in den Abkommen mit den verschiedenen Rebellengruppen Konditionen festgelegt. Eine ist, dass die Erlösungsregierung die zivile Verwaltung in diesen Gebieten ausüben wird. Noch ist nicht geklärt, ob die Erlösungsregierung die Kapazitäten hat, um diese Kontrolle allein auszuüben und es schafft, die verschiedenen Dschihadistengruppen unter ihrer Führung zu einen.

Wie die Dschihadisten herrschen werden, hängt auch davon ab, ob sie ihre Macht weiter ausbauen und sichern können. Bisher gibt es allerdings keine Anhaltspunkte dafür, dass die Türkei ihnen Einhalt gebietet. Selbst Russland und das syrische Regime haben den Vormarsch von HTS nicht aufgehalten.

ZEIT ONLINE: Seit September gilt in der Region eine brüchige Waffenruhe zwischen dem Assad-Regime und den Rebellen. Die von der Türkei und Russland getroffene Vereinbarung sah eigentlich vor, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan gegen die Extremisten vorgeht. Eine entmilitarisierte Pufferzone sollte eingerichtet und HTS aufgelöst werden.

Haid: Das stimmt. Doch Erdoğan hat weder mithilfe der Kämpfer der von ihm unterstützten Gruppen noch auf diplomatischem Wege versucht, HTS aufzuhalten. Über die Gründe gibt es viele Spekulationen. Die einen sagen, Erdoğan habe gerade andere Prioritäten, nämlich einen Angriff auf die Kurdenmiliz YPG in Manbidsch vorzubereiten. Andere sagen, dass Erdoğan ohnehin nie gegen HTS vorgegangen sei, weil er die Dschihadisten als Druckmittel brauchte, um mit den Russen zu verhandeln. Aber egal, ob es an politischem Unwillen, fehlenden Ressourcen oder den anderen Prioritäten lag: Erdoğan hat die verbündeten Rebellengruppen, die gegen HTS kämpfen sollten, im Stich gelassen.

ZEIT ONLINE: Nun werden auch Orte von HTS kontrolliert, die bislang unter lokaler Selbstverwaltung standen. So wie die Kleinstadt Atarib im Umland von Aleppo, deren Einwohner jahrelang durch friedlichen Widerstand eine Eroberung durch die Dschihadisten verhindern konnten. Müssen die Menschen Racheakte befürchten?

Haid: Noch ist in Atareb nicht viel passiert. Es gab noch keine Verfolgungen oder Verhaftungen von Kritikern. Trotzdem sind einige Aktivisten nach dem Einmarsch von HTS geflohen, weil sie um ihr Leben fürchteten. Ob es noch Racheakte geben wird, bleibt abzuwarten. Noch ist HTS damit beschäftigt, weitere Ortschaften einzunehmen. Sobald die Gruppe ihre Machtstrukturen gefestigt hat, wird sich zeigen, inwieweit sie gegen Opponenten vorgehen wird. Wenn es nicht gelingt, die Kontrolle von HTS und der Erlösungsregierung zu begrenzen, wird HTS wohl graduell die Freiheiten der Zivilgesellschaft beschneiden. 

ZEIT ONLINE: Welches Ziel verfolgen die Dschihadisten?

Haid: Sie wollen über weite Teile von Nordsyrien herrschen und das nach ihren Vorstellungen. Hajat Tahrir al-Scham war aus der Nusra-Front, dem syrischen Al-Kaida-Ableger, hervorgegangen und steht der Gruppe ideologisch noch immer nahe. Sie wollen eine radikale, sehr konservative Lesart des Islams und der Scharia implementieren, auch verbreiten sie eine Atmosphäre der Angst.

In den Ortschaften, die sie bisher kontrollieren, kann man sehen, wohin es geht: Zigaretten sind verboten, Cafés, die Musik spielen, werden geschlossen, Frauen müssen sich verhüllen. Das gab es vor einigen Jahren noch nicht. Deswegen gab es in vielen Orten starken, aber friedlichen Widerstand gegen HTS. Die Bewohner organisierten Demonstrationen und riefen Slogans gegen HTS und deren Anführer. Die meisten Syrer wollen so nicht leben. 

ZEIT ONLINE: Werden die Dschihadisten von HTS ähnlich brutal gegen die Bevölkerung vorgehen wie der "Islamische Staat"?

Haid: Die Kämpfer von HTS sind intelligenter als die Kämpfer des IS. Vereinzelt haben sie Kritiker gerächt. Aber seit der Machtübernahme haben sie es noch nicht gewagt, Bewohner einer Ortschaft für vermeintliche Vergehen kollektiv zu bestrafen oder Leute auf offener Straße hinzurichten, wie der IS es getan hat. Sie wissen, dass sie damit die Leute gegen sich aufbringen würden, und momentan braucht die Gruppe noch den Rückhalt der Bevölkerung. Da sie in der Vergangenheit aber sehr hart gegen Opponenten vorgegangen sind, wird sich ihr Verhalten sehr wahrscheinlich ändern, sobald sie mächtiger sind.

HTS will sich als Miliz ähnlich zur Hisbollah im Libanon oder der Hamas in Gaza formieren: Die Gruppe will eine bestimmte Region nach ihren Vorstellungen kontrollieren und sich dort so festsetzen, dass niemand sie mehr vertreiben kann.