Die Menschen im Kongo haben am 30. Dezember einen neuen Präsidenten gewählt. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes könnte ein demokratischer Machtwechsel bevorstehen. Der amtierende Präsident und autokratische Herrscher Joseph Kabila durfte nach zwei Amtszeiten nicht erneut zur Wahl antreten, er schickte an seiner Stelle Emmanuel Ramazani Shadary. Doch die Wahlkommission verkündete den Oppositionellen Félix Tshisekedi zum Sieger – eine heftige Niederlage für Kabila.

Möglicherweise wurde dieses Ergebnis manipuliert. Verschiedene Medien haben Zahlen veröffentlicht, die belegen sollen, dass der eigentliche Wahlsieger Martin Fayulu heißt, ebenfalls ein Oppositioneller. Kabila hätte demnach zugelassen, dass sein eigener Kandidat verliert und die Ergebnisse zu Gunsten Tshisekedis manipulieren lassen. Auch die Afrikanische Union zweifelt das Ergebnis inzwischen an. Der Politikwissenschaftler Matthias Basedau leitet das GIGA Institut für Afrika-Studien. Seiner Einschätzung nach sieht alles nach einem manipulierten Ergebnis aus. 

ZEIT ONLINE: Hat Sie das Wahlergebnis überrascht?

Matthias Basedau: Absolut. Ich war wie die meisten Beobachter davon ausgegangen, dass Shadary, der für Kabilas Partei angetreten war, die Wahl mit Hilfe massiver Wahlfälschungen offiziell gewinnen würde.

ZEIT ONLINE: War von vornherein klar, dass das Ergebnis manipuliert werden würde?

Basedau: Dafür gab es zumindest einige Indizien. Zum Beispiel wurden bekannte Gegner des Präsidenten, Jean-Pierre Bemba und Moïse Katumbi, unter verschiedenen Vorwänden gar nicht erst als Kandidaten zugelassen. Außerdem hat die Regierung einige Wahlkampfveranstaltungen verboten. Direkt nach der Wahl ließ Kabila dann das Internet im ganzen Land abschalten und die Verkündung der Ergebnisse verschieben.

ZEIT ONLINE: Shadary wurde zwar nicht zum Sieger gekürt, aber der offizielle Wahlsieger Félix Tshisekedi ist möglicherweise auch nicht der wahre Sieger. Der unterlegene Oppositionskandidat Martin Fayulu sagt, er habe Zahlen aus den Wahlbüros, die seinen Sieg belegten. Die katholische Bischofskonferenz, die 40.000 Wahlbeobachter im Einsatz hatte, teilte ebenfalls mit, das offizielle Ergebnis sei nicht korrekt. Verschiedene internationale Medien haben Fayulus Zahlen ausgewertet und stimmen ihm zu, Kabilas Regierung wies diese Vorwürfe zurück. Wird Fayulu gerade um seinen Sieg gebracht?

Basedau: Das ist aus der Ferne schwer zu beurteilen, aber tatsächlich sieht alles nach einem manipulierten Ergebnis aus.

Fayulu könnte Kabila gefährlich werden

ZEIT ONLINE: Aber wenn schon betrogen wurde, warum hat Kabila dann nicht gleich seinen eigenen Kandidaten zum Sieger erklärt?

Basedau: Es könnte sein, dass Kabila gemerkt hat, dass er mit seinem Kandidaten nicht durchkommen kann, weil das Ergebnis wirklich viel zu gering gewesen ist. Eine Entscheidung für Shadary hätte dann vermutlich große, gewaltsame Proteste ausgelöst. Momentan sieht es danach aus, als sei Tshisekedi eine Art Plan B von Kabila. Das kleinere Übel. Dafür sprechen zum Beispiel einige Treffen zwischen Kabilas und Tshisekedis Leuten.

Fayulu, das muss man wissen, könnte Kabila wirklich gefährlich werden. Er wird auch von Kabilas Feinden Jean-Pierre Bemba und Moïse Katumbi unterstützt. Und wenn Leute an die Macht kommen, mit denen er verfeindet ist, steigt für Kabila die Gefahr. Er muss vor allem darauf achten, dass er nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann für Korruptionsverbrechen oder Menschenrechtsverletzungen, die er begangen hat.

Das ist häufig bei Diktatoren die Hauptmotivation, nicht von der Macht abzulassen. Denn wenn sie sie verlieren, verlieren sie auch den Schutz vor Strafverfolgung.

ZEIT ONLINE: Fayulu hat Klage beim Verfassungsgericht eingereicht und fordert eine Neuauszählung der Stimmen. Auch die Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas (SADC) hatte das gefordert. Wenn Fayulu wirklich um den Sieg betrogen wurde, wie groß sind seine Chancen, Recht zu bekommen?

Basedau: Ich war eigentlich nicht sehr zuversichtlich, dass das Ergebnis substanziell verändert wird. Das Verfassungsgericht ist mit Leuten des alten Regimes besetzt. Mit der diplomatischen Intervention der Afrikanischen Union wird eine Korrektur des Wahlergebnisses bzw. die Einrichtung einer Regierung der nationalen Einheit nun aber etwas wahrscheinlicher.