Portsmouth ist eine arme Hafenstadt am Ärmelkanal, seit der Zeit von Charles Dickens hat sich das nicht geändert. Vor dem größten Pub der Stadt, zwei Stunden von London entfernt, steht eine Statue des Dichters der armen Leute. Der Mann, der zur Mittagszeit auf die Kneipe zugeht, beachtet sie aber nicht, er schiebt sich mit breiten Schultern durch die Tür.

Dieser Pub ist seine eigene Kneipe: Tim Martin ist der Gründer und Chef der Wetherspoon-Pubs, die es überall in Großbritannien gibt. Seine erste Kneipe kaufte er vor 40 Jahren, heute gehört ihm eine Kette mit mehr als 800 Pubs. Meist findet man sie in den Gegenden, in denen sich die Leute gute Restaurants nicht leisten können. Hier in Portsmouth ist der Pub nach einem anderen berühmten Sohn der Stadt benannt, Isambard Kingdom Brunel, dem großen Ingenieur der Industriellen Revolution, der Docks und der Ozeandampfer. 

Der Wetherspoon-Pub in Portsmouth © Bettina Schulz für ZEIT ONLINE

Der Schrei der Möwen erstirbt, Martin schlägt die wohltuende Pub-Wärme entgegen. Keine verrauchte Spelunke, das wollte Martin nicht. Seine Pubs sollen für die ganze Familie sein: solide, billig, gut – und mit der Atmosphäre eines großen Wohnzimmers.

Gleich am Eingang sitzt auf einem Barhocker ein alter Koch der Marine, unter seinem Hemdsärmel lugt das Tattoo einer barbusigen Schönheit hervor. Martin nickt ihm freundlich zu, er ist ein Hüne und überblickt das Treiben im Pub sofort. Er drängt zum Tresen, reicht den Bier zapfenden jungen Männern und Frauen an der Bar die Hand, grüßt. Dann gleitet sein Blick über die Tische, an denen Familien mit Kindern Burger mit Pommes für 4,99 Pfund zum Mittag essen, Männer beim Fosters ins Gespräch versunken sind, drüben in einer Bücherecke junge Mütter plauschen, alles beim Geflimmer der Spielautomaten in den Ecken, an den Wänden Bilder der Seefahrtkreuzer.

Für einen Brexit ohne Deal

Auf den Tischen stehen Schildchen mit Brexit-Parolen, an den Fenstern kleben politische Plakate. Denn Martin ist nicht nur ein erfolgreicher Pub-Besitzer, er ist ein radikaler Brexit-Anhänger. Wie kaum ein anderer Unternehmer kämpft er für den Austritt aus der EU – und zwar ohne Deal. Viele Pub-Besucher kennen ihn aus Talkshows und von Brexit-Kampagnen mit Nigel Farage, dem ehemaligen Chef der Rechtsaußenpartei Ukip. Martin nutzt seine Pubs, um seine Politik unters Volk zu bringen.

"Das ist ein ganz toller Mann", schwärmt eine Frau, die Milchkaffee trinkt. "Er ist Geschäftsmann und er kämpft so hart für unseren Brexit." Viele im Pub hoffen, dass das britische Parlament am Dienstag für den Austritt aus der EU stimmen wird. Damit es endlich auch ihnen wieder besser geht; nicht nur den Reichen, nicht nur der politischen Elite. Aber vielleicht wird es nicht klappen, die Zeitungen sind voller Berichte, dass die Europaanhänger den Brexit im Parlament sabotieren werden.

Unerwarteter Protest

Schon drängen sich die Pub-Besucher, Selfies werden gemacht, eine Kameracrew taucht auf, jemand reicht dem Wetherspoon-Pubs-Gründer das Mikrofon. "Danke, dass ihr alle da seid", hebt Martin an, sein weißer Haarschopf fast unter der Decke, er ist auf einen Sockel gestiegen, ein Geländer vor ihm, es sieht fast aus wie im Gerichtssaal. "Kommt alle her, ganz nah ran!" Die Leute stehen eng gedrängt, Männer mit Bier in der Hand, raue, rot gegerbte Gesichter. Eine Frau lauscht andächtig und Martin legt los: "Wir haben für den Brexit gestimmt, weil wir rauswollen. Und nicht, weil wir einen Deal mit Juncker unterschreiben wollen. Ohne Deal würde es uns besser gehen!"

Ein Pub-Besucher in Portsmouth © Bettina Schulz für ZEIT ONLINE

Und sofort kommt er zu dem Thema, das viele ärgert: die Milliarden, die Großbritannien der EU beim Austritt für die eingegangenen Zahlungsverpflichtungen der Vergangenheit zahlen muss. Viele Briten sehen das nicht ein und Martin schlägt in die richtige Kerbe: "Wir könnten diese 39 Milliarden Pfund sparen, die wir an die EU zahlen sollen. Das sind 600 Pfund für jeden Briten." Martin hat die Jacke abgelegt. "Gehen sie mal hier rum und verlangen, jeder soll einen Scheck für 600 Pfund ausstellen!" Jetzt klatschen die Leute.

"Stimmt nicht!", ruft jemand, unerwartet gibt es Protest. Dabei gingen Martin und die Pub-Besucher davon aus, dass die Brexit-Anhänger hier unter sich sind und endlich mal klar die Wahrheit gesagt wird. Aber Martin hat das Mikrofon und redet weiter: "Ohne Deal könnten wir unsere Zölle abschaffen, wir könnten auf der Welt alles viel billiger einkaufen, Kinderkleidung, Kinderschuhe, unseren australischen Wein hier ...  Alles wäre billiger." Das ist Martins Credo, kein anderer Pub-Unternehmer in Großbritannien arbeitet mit so knappen Margen, achtet so sehr auf günstige Einkaufspreise.  

Ein junger Mann in schwarzer Jacke drängt sich nach vorn: "Lüg doch nicht, Tim. Sag die Wahrheit!", ruft er. "Halt die Klappe", schnauzt ein Biertrinker, "wir wollen Tim hören – nicht euch Klugscheißer." Gleich mehrere EU-Anhänger sind in den Pub gekommen, um Martin in die Parade zu fahren und Argumente vorzubringen, die die Brexit-Anhänger eigentlich nicht hören wollen.