Am Wochenende ist in der nordirischen Stadt Londonderry eine Autobombe explodiert. Die Polizei hat mehrere Männer festgenommen, die zur Splittergruppe New IRA gehören sollen. Brian Gormally hat mit einem Forscherteam die Auswirkungen des Brexits auf den Friedensprozess in Nordirland untersucht. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von den Universitäten Ulster und Belfast sowie einer Menschenrechtsorganisation haben zahlreiche Interviews geführt – und warnen vor den Folgen einer harten Grenze.

ZEIT ONLINE: Ist der Brexit eine Gefahr für den Friedensprozess?

Brian Gormally: Es gibt politische Spannungen in Nordirland und es werden mehr werden, das ist klar. Der Bombenanschlag in Londonderry sollte uns eine Warnung sein. Die aktiven Gruppen wie die New IRA sind zwar sehr klein und haben nur wenige Unterstützer – aber sie verfügen, anders als Unabhängigkeitsaktivisten in vielen anderen europäischen Ländern, über Waffen und Sprengstoff. Sie haben militärische Kapazitäten. Ein Republikaner (Nordirischer Anhänger einer Vereinigung von Irland und Nordirland, Anmerkung d.Red.) sagte uns, dass der Brexit ein Geschenk des Himmels war. Mit dem Brexit und einer neuen Grenze zwischen Irland und Nordirland werden Symbole geschaffen, die sie angreifen können und die ihnen helfen könnten, neue Unterstützer zu finden.

ZEIT ONLINE: Nordirland hat mehrheitlich gegen den Brexit gestimmt und muss nun trotzdem eine Grenze akzeptieren.

Gormally: Aus dem Karfreitagsabkommen, dem bis heute geltenden Friedensabkommen, lassen sich folgende Prinzipien ableiten: Dass die Menschen in Irland und Nordirland selbst über ihr Schicksal bestimmen können und dass Staatsbürgerschaften egal sind – also die britische, nordirische oder irische, alles sollte möglich sein. Und es wurde zum Prinzip erhoben, dass die Nordiren darüber abstimmen können, das Vereinigte Königreich auch zu verlassen, wenn sie denn möchten. Nun haben die Menschen in England gegen den Willen der Menschen in Nordirland für einen Austritt aus der EU und damit für eine Grenze zu Irland gestimmt. Zudem macht es künftig wohl einen deutlichen Unterschied, ob man Brite oder Ire ist.


ZEIT ONLINE: Könnte die Gewalt so eskalieren wie in den Unruhen ab den Sechzigerjahren, den sogenannten Troubles, als auch die damals neu geschaffenen Grenzbefestigungen angegriffen wurden?

Gormally: 20 Jahre Frieden sind in Gefahr, aber ich denke, Zeit und Umstände während der Troubles waren andere. Die neue Grenze hat einerseits praktische Folgen: 300.000 Menschen überqueren sie jeden Tag, das sollte ohne große Hindernisse für die Menschen funktionieren. Genauso verhält es sich mit Gütern. Andererseits, und das ist mir wichtig, geht es eben um Symbolik. Auch wenn es am Ende lediglich Kameras sind, die Nummernschilder registrieren, sie sind eine sichtbare Grenze und werden angegriffen werden.

Die Insel Irland

Im Süden die Republik Irland, im Nordosten Nordirland, das zu Großbritannien gehört.

ZEIT ONLINE: Kann ein Backstop die Entwicklung verhindern?

Gormally: Der Backstop, so wie er jetzt verhandelt ist, sorgt rechtlich bindend dafür, dass es erst einmal keine harte Grenze zwischen Irland und Nordirland gibt, bis man sich geeinigt hat. Wir brauchen Zeit und der Backstop ist eine Versicherung. Brexit-Hardliner und DUP (Democratic Unionist Party, die die Regierung von Theresa May mitträgt, d.Red) sind gegen den Backstop, weil er zunächst rechtlich bindend wird und Großbritannien in der Zollunion hält.

ZEIT ONLINE: Sprechen die Menschen auf der Straße über die mögliche Veränderung?

Gormally: Es ist nicht wirklich ein Kneipenthema. Dort wird eher Wut geäußert über den Brexit oder den Verlauf der Verhandlungen sowie über technische Möglichkeiten und Konsequenzen für jeden Einzelnen gesprochen.