Die russische Justiz wirft dem vor einer Woche in Moskau festgenommenen US-Bürger Paul Whelan offiziell Spionagetätigkeiten vor. Der 48-Jährige sei nach seiner Anklage in Untersuchungshaft genommen worden, sagte sein Anwalt Wladimir Scherebenkow der Nachrichtenagentur RIA Nowosti. Der Anwalt legte nach eigenen Angaben Einspruch gegen die Entscheidung ein und forderte Whelans Freilassung gegen Kaution.

Whelan war nach Angaben des russischen Inlandsgeheimdiensts FSB am vergangenen Freitag bei einem "Spionageakt" in der russischen Hauptstadt festgenommen worden. Bei einer Verurteilung drohen ihm 20 Jahre Haft. Laut Informationen der russischen Nachrichtenagentur Rosbalt, die sich auf Sicherheitskreise beruft, war Whelan in seinem Hotelzimmer in einem Moskauer Hotel von Beamten des russischen Geheimdienstes FSB festgenommen worden, nachdem er von einem russischen Bürger einen USB-Stick mit Namen von russischen Agenten erhalten haben soll.

Die russische Nachrichtenagentur stützt sich in ihrem Bericht auf eine anonyme Quelle, dessen Wahrheitsgehalt bisher nicht unabhängig überprüft werden konnte. Laut Angaben der anonymen Quelle habe Whelan zudem über mehrere Jahre in Internetforen und Chatrooms Kontakt zu potenziellen russischen Informanten aufgenommen. Whelan habe dabei versucht, an Informationen zu gelangen, die für US-amerikanische Geheimdienste von Interesse sein könnten. Whelans Familie weist die russischen Vorwürfe zurück. Laut Whelans Bruder war der Leiter der globalen Sicherheitsabteilung eines Autoteileherstellers aus Michigan lediglich zu einer Hochzeit nach Moskau gereist.

Die US-Regierung forderte von Russland Aufklärung zu der Festnahme Whelans. US-Außenminister Mike Pompeo hatte am Mittwoch am Rande eines Besuches in Brasilien gesagt, die US-Regierung wolle erfahren, was dem Mann vorgeworfen werde. Wenn seine Inhaftierung nicht rechtmäßig sei, werde man seine sofortige Freilassung verlangen. US-Botschafter Jon Huntsman hatte Whelan nach Angaben des US-Außenministeriums am Mittwoch besucht.

Der Fall belastet die ohnehin angespannten US-russischen Beziehungen zusätzlich. Whelans Verhaftung sehen einige Beobachter als Vergeltungsmaßnahme. In Washington steht derzeit die russische Studentin Marija Butina vor Gericht. Sie hatte im Dezember vor einem Bundesgericht in Washington gestanden, als Agentin ihres Heimatlandes konservative Zirkel der Vereinigten Staaten unterwandert zu haben. Butina hatte enge Kontakte zur Waffenlobby NRA geknüpft und auch in ranghohen Kreisen der Republikanischen Partei von Präsident Donald Trump verkehrt. Die Verkündung des Strafmaßes steht noch aus.