Gleich zu Beginn seiner Amtszeit wollte Pedro Sánchez damit öffentlichkeitswirksam punkten: In seinem ersten Fernsehinterview im Juni 2018 kündigte Spaniens sozialistischer Premier an, die Überreste des 1975 verstorbenen Diktators Francisco Franco umzubetten. Noch vor der Sommerpause sollten sie aus dem Valle de los Caídos, dem monumentalen Grabmal im Guadarrama-Gebirge 50 Kilometer nordwestlich von Madrid, exhumiert werden. Doch ein halbes Jahr später liegen die Knochen immer noch an der gleichen Stelle: bestattet unter einer schlichten Granitplatte in einer Felsenkirche, die ein 155 Meter hohes Betonkreuz krönt. Ein paar Wochenendausflügler machen heimlich Selfies davor. Als die Wächterin wegschaut, reckt einer den Arm zum faschistischen Gruß.

Just solche Bilder wollte Sánchez mit seinem Vorstoß vermeiden. Als Pilgerstätte Franco-Getreuer gilt das Mahnmal vielen als sichtbarstes Zeichen einer immer noch mangelhaften Aufarbeitung der fast vierzigjährigen Diktatur.

Franco selbst hatte den Bau in Auftrag gegeben – als Mahnmal seines Sieges im Bürgerkrieg (1936 bis 1939). Im Inneren der in den Fels gesprengten Basilika huldigen Marienkapellen den Schutzpatroninnen der spanischen Heere. In den Seitenkapellen des Tunnelgewölbes ruhen die Überreste von 30.000 Bürgerkriegsopfern; Unterstützer des Putschisten ebenso wie republikanische Soldaten. Das sei Ausdruck des Charakters der Basilika als "Mahnmal der Versöhnung", heißt es in der offiziellen Broschüre. Dabei konnte von Versöhnung bei der Einweihung 1959 keine Rede sein.

Eigentlich schien alles geklärt

Unterstützer der spanischen Republik wurden unter Franco strafrechtlich verfolgt. Die Basilika war unter anderem von republikanischen Zwangsarbeitern gebaut worden, die Überreste der republikanischen Toten hatte man teils ohne Genehmigung ihrer Familien dorthin gekarrt. Heute ist es nach Ansicht von Historikern vor allem die Präsenz des Diktators selbst, die eine andere Lesart als die der Verherrlichung seines Regimes erschwert. Bereits 2011 forderte eine von Sánchez' Parteikollegen José-Luis Rodríguez Zapatero eingesetzte Kommission die Umbettung, eine Ausstellung sollte den notwendigen Kontext zur historischen Einordnung des Bauwerks liefern.

Für beides schien es zuletzt einen breiten Konsens zu geben. Im Mai 2017 hatte das spanische Parlament die damals noch amtierende Regierung unter Mariano Rajoy um Umsetzung des Gutachtens gebeten, lediglich die konservative PP und ein paar regionale Parteien hatten sich enthalten. Wohl auch deswegen erschien Sánchez der Vorstoß als opportuner Auftakt seiner Amtszeit: ein symbolpolitischer Akt mit geringen politischen Kosten – und großer Breitenwirkung. Doch der Premier hatte die Rechnung ohne die sieben Enkel des Diktators gemacht – und ohne den Benediktinerorden, der seit 1958 mit der seelsorgerischen Pflege des Grabmals beauftragt ist. Beide blockieren Sánchez' Prestigeprojekt, bisher erfolgreich.

"Blamage ersten Ranges"

Laut Dekret sollten Francos sterbliche Überreste seiner Familie übergeben werden, um sie in deren Grab auf dem Pardo-Friedhof bei Madrid beizusetzen, fernab der Öffentlichkeit. Doch die Enkel bevorzugten als letzte Ruhestätte die Familiengruft in der Almudena-Kathedrale, der Bischofskirche des Erzbistums Madrid. Hier, im Herzen der Hauptstadt, ließ sich das spanische Königspaar trauen, prominenter kann man als Toter kaum ruhen.

Offensichtlich war der Regierung unter Sánchez die Existenz dieses Grabes nicht bekannt. In den Augen des Kirchenjournalisten José Manuel Vidal eine "Blamage ersten Ranges", die zu einem kirchenpolitischen Eiertanz führte. "Rein kirchenrechtlich kann das Anrecht eines Christen auf eine Grabstätte nicht verweigert werden – ganz egal, um wen es sich handelt", sagt Vidal. "Gleichzeitig bemüht sich die spanische Amtskirche unter Franziskus um einen politisch neutralen Kurs und will nicht als Fürsprecherin der politischen Rechten gelten." Kaum eine Debatte sei dabei so heikel wie der Umgang mit dem toten Diktator. Die katholische Kirche war nicht nur zunächst einer der wichtigsten Stützpfeiler der Franco­-Diktatur – in den Nullerjahren hat sie sich auch als Widersacherin der sozialistischen Regierung von Zapatero profiliert und zu Großdemos gegen dessen Gesellschaftsreformen aufgerufen.