Theresa May hatte gerade drei Monate das mächtigste Amt des Vereinigten Königreichs und die Verantwortung für den Brexit inne, da ging sie im Oktober 2016 zum 50-jährigen Jubiläumsfest des Bowls-Clubs in Maidenhead, 50 Kilometer westlich vom Londoner Stadtzentrum. Maidenhead ist ihr Wahlkreis und Bowls ein Kugelspiel, das dem französischen Boule ähnelt.

Die Premierministerin setzte sich zu den Gästen, es gab Tee und süßes Gebäck, erinnert sich der Manager des Bowls-Clubs, Colin Brown. Da die Clubmitglieder nicht an Mays Diabeteserkrankung gedacht hatten, sei eine Vereinsangehörige in die Küche geeilt und habe ungesüßte Kekse geholt. So sei es gekommen, dass die Menschen aus Maidenhead mit ihrer Abgeordneten über ihren Insulin-Bedarf sprachen. Wie sie reagiert habe, als sie von der folgenschweren Diagnose erfahren habe, hätten die Rentner gefragt. Man müsse es akzeptieren und damit fertig werden, habe May geantwortet.

Was nach Küchenphilosophie klingt, ist im Fall von Theresa May eine Art Leitlinie ihres politischen Stils und wohl ihre größte Stärke. Seit Dienstagabend hat sie innerhalb von nur 24 Stunden die Zerstörung ihrer politischen Macht durchlebt und, wenn man den Menschen in ihrem Wahlkreis zuhört, ihre Wiederauferstehung.

Auf Theresa May ruhen die Hoffnungen

Nachdem das britische Parlament ihren zwei Jahre lang ausgehandelten Deal für den EU-Austritt so radikal abgelehnt hatte wie noch keinen Regierungsplan zuvor, sprach das ganze Land von ihrer Erniedrigung. Die britischen Medien titelten: "Komplette Demütigung" (The Daily Telegraph), "Schlimmstes Debakel ever" (Metro), "Größte Regierungsniederlage der Geschichte" (The Sun), "Kein Deal, keine Hoffnung, keine Ahnung, kein Vertrauen" (Daily Mirror). Theresa May war mit ihrem wichtigsten Vorhaben als Premierministerin gescheitert.

Der Oppositionsführer im Unterhaus, Jeremy Corbyn, verschickte nach der Abstimmungsniederlage schon mal ein Wahlkampfvideo seiner Partei. Aber es kam anders. Am Mittwochabend hat eine Mehrheit der Abgeordneten Theresa May in ihrem Amt bestätigt. Sie, die die historische Niederlage vom Vortag akzeptiert hatte, ist nun wieder die Person, auf der die Hoffnungen für eine Lösung des Brexit ruhen. 

Premierministerin und Abgeordnete zugleich

Obwohl sich Großbritannien in der wohl schlimmsten Verfassungskrise seit dem Zweiten Weltkrieg befindet und Theresa May seit mehr als zweieinhalb Jahren als Regierungschefin mitverantwortlich dafür ist, halten die Parlamentarier und eine Mehrheit der Bevölkerung sie immer noch für die fähigste Person zur Lösung des Brexit-Chaos. Das ist so erstaunlich, dass Malik Naveed lachen muss.

Der Geschäftsmann steht im roten Trainingsanzug und mit einer dunklen Basecap auf dem Kopf in seinem Barbershop im Stadtzentrum von Maidenhead. Drei seiner Angestellten schneiden ihren Kunden die Haare. Seit 1997 sitzt Theresa May als gewählte Vertreterin des Wahlkreises Maidenhead im britischen Parlament. Für Malik Naveed ist sie deshalb Premierministerin und Abgeordnete im Unterhaus zugleich. Zwei Mal habe er ihr bereits geschrieben, sagt der Unternehmer. Er schlug niedrigere Visa-Gebühren vor, um mehr ausländische Unternehmer ins Land zu holen. Beide Male habe er keine Antwort erhalten. Naveed stört das nicht sonderlich. Seine Familie habe bei Wahlen immer für die Labour-Partei gestimmt, sagt er, nur er nicht. Auch jetzt, nachdem May im Parlament mit ihrem Brexit-Plan gescheitert ist, würde er sie wiederwählen. "Ich bin stolz auf meine Abgeordnete", sagt Naveed.