In Venezuela hat sich der neue Parlamentspräsident Juan Guaidó am 23. Januar 2019 zum Übergangspräsidenten erklärt. Er erkennt die umstrittene Wiederwahl des langjährigen Staatschefs Nicolás Maduro nicht an und tritt offen für einen Politikwechsel in dem sozialistisch regierten Land ein. Unterstützt wird er unter anderem von den USA, die Wirtschaftssanktionen gegen die Maduro unterstellte Ölindustrie verhängten. Deutschland fordert Neuwahlen in Venezuela. Doch Präsident Maduro könnte sich nur Neuwahlen des Parlaments vorstellen, nicht aber neue Präsidentschaftswahlen, die ihn direkt betreffen würden.

Bei Demonstrationen zur Unterstützung Guaidós gingen in den vergangenen Tagen viele Venezolaner auf die Straße. Einige konnten auf angemeldeten Demonstrationen ungestört gegen die Maduro-Regierung protestieren. Allerdings wurden nach Informationen des UN-Menschenrechtsbüros seit dem 23. Januar auch mindestens 40 Regimegegnerinnen und -gegner von Angehörigen der Streitkräfte oder bewaffneten Regierungsanhängern erschossen. Fast 850 wurden festgenommen, darunter nach UN-Angaben auch Minderjährige.

Guaidó hat für Mittwoch zu weiteren Demonstrationen aufgerufen. ZEIT ONLINE hat mit drei Venezolanern gesprochen, die Guaidó unterstützen. Wir veröffentlichen die Protokolle unter Pseudonymen, um die Informanten nicht zu gefährden. Die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt.

Álvaro*, 35 Jahre, aus Coche, einer Sozialsiedlung in Süd-Caracas, Universitätsdozent

Als sich Parlamentspräsident Guaidó am 23. Januar 2019 zum Interimspräsidenten erklärt hat, bin ich mit fünf Freunden auf die Straße gegangen, um ihn zu unterstützen. Wir liefen durch Caracas, es waren so viele Menschen dort, dass wir nicht bis zur Bühne durchkamen, auf der Guaidó sprach. Ich unterstützte Guaidó, weil unser Parlament die einzige demokratisch legitimierte Institution in Venezuela ist. Guaidó ist zwar kein großer Charismatiker. Aber es gefällt mir, dass er sich auch nicht als Messias verkauft, er spricht einfach die Probleme an, die wir im Land haben.

Ich arbeite an der Universität Caracas und die Bedingungen sind deprimierend. In den Büros gibt es keine Elektrizität. Die öffentlichen Einrichtungen sind in ganz Venezuela in einem sehr schlechten Zustand, die Inflation steigt jeden Tag. Die letzten beiden Jahre waren schrecklich, jede andere Regierung wäre schon zurückgetreten. Der Mindestlohn beträgt 18.000 Bolívares (etwa 5,50 Euro), ich verdiene im Moment 23.000 Bolívares. Aber wir wissen nie, wie viel Geld wir am Monatsende kriegen werden. Manchmal heben sie unseren Lohn wegen der Inflation an, aber dann steigt diese einfach weiter. Durch verschiedene Buchprojekte nehme ich auch in den USA Geld ein. Ein Familienangehöriger in Miami bewahrt sie für mich auf. Einmal im Monat tausche ich sie auf dem Schwarzmarkt gegen unsere Landeswährung, Bolívares, ein. 

Viele haben das Land verlassen: Letztens hat mir Facebook eine Erinnerung geschickt, ein Foto, das vor drei Jahren aufgenommen wurde: Von den elf Leuten auf dem Foto leben fünf inzwischen im Ausland, in Argentinien, Spanien und Mexiko.

Inzwischen ist die Versorgungssituation so schlimm, dass sogar Chavisten sich zum Beispiel in der U-Bahn lautstark über die Verhältnisse beschweren – ganz so, als ob die Regierung nicht von ihnen gestellt würde. Wir brauchen einen friedlichen Regierungswechsel, und ich würde mir mehr moralische Unterstützung von außen wünschen. Nicht nur von der Europäischen Union, die hat bisher ja wenig von sich hören lassen. Ich wünsche mir mehr Unterstützung von der gesamten Menschheit. Aber ich weiß auch, dass einflussreiche Staaten wie Russland und China die Regierung unterstützen, außerdem Kuba und Nicaragua. Ich würde mir wünschen, dass in Venezuela eine Übergangsregierung gebildet wird. Und dass diese das Land wieder aufbaut. Und ich hoffe, dass die Proteste nicht blutig niedergeschlagen werden wie die regimekritischen Massendemonstrationen 2014 und 2017. Mit Toten kann man Maduro und diese Regierung nicht absetzen.

Am 23. Januar 2019 gingen viele Venezolanerinnen und Venezolaner auf die Straße, um den jungen Parlamentspräsidenten Juan Guaidó zu unterstützen.