Für einen Moment konnte man sich das vorstellen: Angela Merkel, Anführerin der freien Welt. Minutenlanger Applaus, Standing Ovations und verzückte Rufe im Saal der Münchner Sicherheitskonferenz, wo zahlreiche Staats- und Regierungschefs, Minister und Experten ein energisches Plädoyer für multilaterale Zusammenarbeit und eine Warnung vor dem Zerfall der internationalen Ordnung gehört hatten: "Wir dürfen sie nicht einfach zerschlagen", sagte die Bundeskanzlerin. Merkel kanalisierte die Hoffnung vieler, die auf Kooperation setzen, wo die Konkurrenz großer Mächte wieder das Weltgeschehen zu bestimmen beginnt.

Doch der Moment dauerte nur kurz. "Unter der Präsidentschaft von Donald Trump führt Amerika die freie Welt einmal mehr an", stellte nur wenig später US-Vizepräsident Mike Pence fest. Er spreche im Namen eines "Champions der Freiheit" – für den es hier nur höflichen Applaus gab. Während Merkel im Anschluss an ihre Rede noch entspannt auch unangenehme Fragen beantwortete, verließ Pence die Bühne ohne Interaktion mit dem Publikum – eine symbolische Verdichtung, wie unterschiedlich aus Sicht der beiden die Welt funktionieren sollte: auf der einen Seite die Einsicht, dass kein Land allein alle Probleme dieser Tage lösen kann, "nur wir alle zusammen"; auf der anderen Seite der ultimative amerikanische Führungsanspruch, der wenig Raum für Verhandlungen lässt und eigentlich nur Gefolgschaft verlangt.

Am deutlichsten wurde das mit Blick auf den Iran. "Die Zeit für unsere europäischen Partner ist gekommen, an unserer Seite zu stehen", sagte Pence und forderte erneut deren Ausstieg aus dem Nuklearabkommen, das die USA unter Trump verlassen haben, um den wirtschaftlichen Druck auf das Regime kompromisslos zu erhöhen. Schon kurz vor der Sicherheitskonferenz hatte Pence in Warschau bei einem umstrittenen Nahosttreffen mit rund 60 Staaten indirekt gedroht: "Wenn ihr uns bei diesem edlen Anliegen zur Seite steht, dann stehen wir auch zu euch." In München wiederholte er, der Iran plane einen neuen Holocaust und wolle Israel auslöschen, und deutete das Ziel eines Machtwechsels in der Islamischen Republik an: Es gehe darum, dem iranischen Volk die Freiheit zu geben, die es verdiene. Deshalb müssten die Europäer aufhören, die amerikanischen Sanktionen zu unterwandern und sich von dem Abkommen verabschieden.

"Eine Spaltung, die mich sehr bedrückt"

Merkel nannte das offen eine "Spaltung, die mich sehr bedrückt". Sie betonte, das Existenzrecht Israels gehöre zur Staatsräson Deutschlands: "Das meine ich so, wie ich es sage." Sie sehe auch die Probleme und Gefahren, die vom Iran in der Region und anderswo ausgingen, teile also ausdrücklich das Ziel, Druck auf das Regime auszuüben. Aber die Frage sei: "Helfen wir unserem gemeinsamen Ziel, nämlich die schädlichen und schwierigen Wirkungen des Irans einzudämmen, indem wir das einzige noch bestehende Abkommen aufkündigen?" Oder diene es der Sache mehr, "wenn wir den kleinen Anker, den wir noch haben, halten und daraus vielleicht auf anderen Gebieten Druck entwickeln"? Ebenso warnte sie die Amerikaner vor einem vorschnellen Rückzug aus Syrien: "Ist es nicht auch wieder eine Stärkung der Möglichkeiten des Irans und Russlands, dort Einfluss zu nehmen?" Auch darüber müsse man reden.

Das wollte Pence aber offenbar nicht. Für die USA reklamierte er einen realistischen Blick auf die globalen Krisen und Konflikte: "Wir werden mit der Welt umgehen, wie sie ist, nicht wie wir sie uns wünschen." Dazu gab es Lob für alle Nato-Partner, die sich klar gegen den Bau der Ostseepipeline Nord Stream 2 positioniert hätten, die russisches Erdgas nach Deutschland transportieren soll. Auch dies verband Pence mit einer Warnung: "Wir können nicht die Verteidigung des Westens sicherstellen, wenn unsere Verbündeten sich vom Osten abhängig machen."

Deutlich forderte der US-Vizepräsident erneut, dass die Nato-Partner ihre Militärausgaben wie vereinbart weiter erhöhen. Dass dabei Fortschritte gemacht wurden, sei "unter dem Druck von Präsident Trump" geschehen. Von denen, die noch nicht so weit seien (also vor allem Deutschland), verlangten die USA nun "glaubwürdige Pläne", wie sie das Nato-Ziel von zwei Prozent der Wirtschaftsleistung bis 2024 erreichen wollten. Alles in allem also eher die Ansage: Ihr müsst mit der Welt umgehen, wie wir sie sehen.

Was nicht bedeuten muss, dass die USA die Welt in jedem Fall falsch sehen, wie Merkel etwa mit Blick auf Nord Stream 2 einräumte: "Es ist richtig und wichtig, dass Europa in gewisser Weise die Hoheit über seine Gasversorgung und die Diversität seiner Gasversorgung behält", sagte die Kanzlerin. Zwar brachte Pence einmal mehr das Argument vor, Russland versuche mit dem deutsch-russischen Projekt, das transatlantische Bündnis durch Energiepolitik zu spalten, aber Merkel hatte die Antwort auf die amerikanische Kritik bereits vorher parat. Sie weiß, dass die USA neben der politischen Dimension ein wirtschaftliches Interesse verfolgen und eigenes Flüssiggas nach Europa exportieren wollen. Es spreche nichts dagegen, "auch amerikanisches Gas zu kaufen", sagte Merkel, verwies auch auf andere Pipelines, die ja nicht abgeschaltet würden, und bekräftigte, dass die Ukraine Transitland bleiben müsse. Doch geostrategisch könne Europa "kein Interesse daran haben, alle Beziehungen zu Russland zu kappen".

Merkel bewies aber nicht nur, dass sie Kritik einstecken und mit Argumenten kontern kann – ob sie nun überzeugen oder nicht. Die Kanzlerin teilte gegenüber den USA auch aus. Zur Drohung, Zölle auf deutsche Autos zu erheben, sagte sie, dass viele deutsche Hersteller ihre Autos in den USA fertigen ließen, etwa BMW mit dem größten seiner Werke überhaupt: "Wenn diese Autos, die in South Carolina gebaut werden, plötzlich eine Bedrohung der nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten sind, dann erschreckt uns das", sagte die Kanzlerin. Ihre Antwort darauf war dieselbe wie in allen anderen Fragen: "Ich glaube, es wäre gut, wir kommen in gute Gespräche miteinander." Ob Trump das ähnlich sieht, daran hat sein Stellvertreter wieder einmal Zweifel geweckt.