Sieben Labour-Parlamentarier haben ihre Partei verlassen – von einstmals 255 Labour-Abgeordneten, die ohnehin keine Mehrheit im britischen Parlament haben. Das erscheint auf den ersten Blick wenig dramatisch. Und doch handelt es sich nicht um Einzelschicksale frustrierter Abgeordneter, die mit der sehr linken Politik von Parteichef Jeremy Corbyn nicht mehr einverstanden sind. Der Austritt der Sieben – darunter Chuka Umunna, die Stimme der pragmatischen Linksliberalen in der Partei – ist alarmierend. Das, was bei Labour gerade geschieht, droht zudem in ähnlicher Form auch der Konservativen Partei. Es ist die Konsequenz daraus, dass Ideologen das Sagen in beiden Parteien übernommen haben.

Jeremy Corbyn und seine Mannschaft wünschen sich den Brexit ebenso wie die meisten Konservativen, allerdings aus einem anderen Grund. Corbyn und sein – nach eigenen Angaben marxistisch ausgerichteter – finanzpolitischer Sprecher John McDonnell können ihre sozialistische Politik besser außerhalb der EU als innerhalb eines Korsetts von EU-Vorschriften umsetzen. Die Arbeiterbasis der Partei erhofft sich vom Brexit zudem bessere Lebensumstände. Corbyn hat daher kein Interesse, den von den Konservativen eingefädelten Brexit durch eine zweite Volksabstimmung zu gefährden.

Deshalb schert er sich auch wenig um die Vereinbarung, die der liberale, europafreundliche Flügel seiner Partei auf dem letzten Parteitag durchgesetzt hat: Sollte es Labour nicht gelingen, über das Brexit-Fiasko eine Neuwahl zu erzwingen, solle die Parteiführung sich für eine zweite Volksabstimmung stark machen. Da eine Neuwahl nicht in Sicht ist, müsste Corbyn also auf die Parteilinie einer zweiten Volksabstimmung einschwenken – was er nicht tut.

Damit fühlen sich die pragmatischen Abgeordneten, die den Brexit – und vor allem einen No-Deal-Brexit – nicht befürworten, verraten und im Stich gelassen. Sie können sich geschlagen geben – oder gehen. Wer über einen Abgang nachdenkt, droht abgesetzt zu werden, wie es die jüdische Abgeordnete Luciana Berger vor Kurzem erlebte, die ohnehin unter dem ständigen Antisemitismus in der Partei zu leiden hat. Wer dennoch aufgibt, riskiert, in einem Land, in dem kleine Parteien angesichts des Mehrheitswahlrechtes kaum eine Chance haben, in der politischen Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Und doch haben die sieben Abgeordneten den Schritt gewagt. Sie sind gegen Corbyns Brexit-Strategie und gegen seine Wirtschafts- und Außenpolitik sowie den tolerierten Antisemitismus. Die radikale Linke in der Partei, Young Labour, triumphiert und nennt die Sieben Verräter.

Die No-Deal-Hardliner sind lautstark

Unter den Konservativen spielt sich hinter den Kulissen Ähnliches ab. Beim Brexit wird die Regierungspolitik seit mehr als zwei Jahren aus dem Hintergrund von den Hardlinern um Jacob Rees-Mogg gesteuert. Seine Splittergruppe, die sogenannte European Reserach Group (ERG), ist eine ideologische Partei in der Partei mit eigener Disziplin. Mit den etwa 60 Stimmen dieser Radikalen schafft es Rees-Mogg, die ohne Regierungsmehrheit geschwächte Premierministerin Theresa May vor sich herzutreiben.

Die Hardliner, die einen No Deal bevorzugen, sind lautstark und skrupellos in ihrer ideologisch verbrämten Heilslehre, erreichen aber, dass ein ausreichender Teil der Parteibasis – und der konservativen Bevölkerung – ihnen folgt. Wählerinnen und Wähler, die sich vormals für die Brexit-Partei des Nigel Farage begeisterten, wenden sich nun dieser rechten Gruppe zu. May ist zu schwach, sich gegen sie durchzusetzen.

Auch in der Konservativen Partei gibt es freilich den Flügel der pragmatischen, liberalen Abgeordneten, die den jetzt geplanten harten Brexit nicht wollen, vor allem keinen No Deal. Es sind Abgeordnete wie Dominic Grieve, Nick Boles, Anna Soubry, Nicky Morgan oder Kenneth Clarke. Sie müssen ohnmächtig mit ansehen, wie May bis zum Schluss die Drohung eines No Deal aufrechterhalten will, um das Parlament und die Partei in einer Torschlusspanik zu einem harten Brexit zu zwingen. Es ist ein Vabanquespiel, das – ungewollt – im No Deal enden kann. Die Angst unter den liberalen Abgeordneten der Konservativen Partei ist daher groß, dass die harten Ideologen nach dem Brexit und dem unweigerlichen Abgang von May das Ruder übernehmen werden.

Labour-Aussteiger gründet neue Bewegung

Labour-Aussteiger Chuka Umunna hat am Montag bereits eine neue Bewegung ins Leben gerufen, die Independent Group, den Vorläufer einer neuen Partei. "Man wird doch nicht Mitglied einer Partei, um jahrelang ununterbrochen immer nur die eigenen Leute zu bekämpfen", sagte Umunna. "Wir müssen Politik für das 21. Jahrhundert machen und nicht ewig gestriger Politik hinterherhängen. Wir fordern andere, Gleichgesinnte auf, ebenfalls ihre Partei zu verlassen und zu uns zu kommen."

Noch hoffen andere Abgeordnete wie Yvette Cooper, das Brexit-Fiasko innerhalb ihrer Parteien lösen zu können. Die Labour-Abgeordnete will am Mittwoch nächster Woche einen Antrag im Parlament einbringen, mit dem das Unterhaus im Notfall die Brexit-Politik der Regierung und einen No Deal stoppen könnte. Theresa May und Jeremy Corbyn haben also eine Woche Zeit, um auf die liberalen Stimmen in ihren Parteien zu reagieren. Wenn sie dies nicht tun, und es das Parlament nächste Woche wieder nicht schafft, die Notbremse zu ziehen, wird es bei den sieben Abgeordneten von heute nicht bleiben.