Kurz vor dem Scheitern des Gipfels erlebte die Welt eine Premiere. Das erste Mal beantwortete Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un die Frage eines ausländischen Journalisten – in einer Art und Weise, wie es auch ein ganz normaler Politiker getan hätte. "Ich bin nicht pessimistisch", sagte Kim. "Ich habe das Gefühl, dass wir ein gutes Ergebnis erzielen werden."

Wenige Stunden später bekam die Hoffnung einen harten Dämpfer. Über die Ticker verbreitete sich die Meldung, dass sich der erst am Vortag bekannt gegebene Terminplan des Gipfels ändert: Eine gemeinsame Erklärung werde es nicht geben und eine Pressekonferenz von US-Präsident Donald Trump werde zwei Stunden früher stattfinden, hieß es plötzlich. Vor den versammelten Reportern verkündete der US-Präsident schließlich, dass man keine Einigung erzielen konnte. "Wir haben uns entschieden, erst mal nichts zu unterschreiben", sagte Trump. Und weiter: "Manchmal ist es besser zu gehen, und das war einfach einer dieser Momente."

Hanoi war der pompöse Gipfel, den die Welt erwartet hatte: Lange Wagenkolonnen rasten durch die Stadt, Tausende Journalistinnen und Journalisten reisten aus der ganzen Welt an. Die vietnamesische Hauptstadt versetzte sich Tage lang in einem Ausnahmezustand, damit hier Weltgeschichte geschrieben werden konnte, und die globale Öffentlichkeit schaute zu. Doch der Gipfel wird nicht als ein Wendepunkt in Erinnerung bleiben, höchstens als ein Zwischenkapitel. Für Donald Trump ist das peinlich: Mit der Gipfel-Inszenierung hat er eine Bühne gebaut, die er nun ohne Erfolg verlassen musste.

Gipfel - »Trump hat nichts bekommen« Das Gipfeltreffen zwischen Donald Trump und Kim Jong Un ist gescheitert. Unser Reporter Frederic Spohr berichtet aus Hanoi.

Hat Trump seine Beziehung zu Kim überschätzt?

Einen großen Durchbruch in dem seit Jahrzehnten andauernden und extrem komplizierten Konflikt hatte zwar ohnehin kaum jemand erwartet. Doch zumindest mit einem Schritt in Richtung eines Nordkoreas ohne Atomwaffen war gerechnet worden. Möglicherweise hat Trump die Bedeutung seiner persönlichen Beziehung zu Kim schlicht überschätzt – und wurde mit falschen Versprechungen zum Gipfel gelockt. Dass bereits die Unterzeichnung einer Erklärung angekündigt war, deutet daraufhin, dass sich die Amerikaner deutlich mehr von dem Treffen erwartet hatten. "Wir hatten schon die Dokumente schon zur Unterzeichnung. Aber es hat einfach nicht gereicht", sagte Trump.

Der US-Präsident wird sich nun vorwerfen lassen müssen, dass er einen skrupellosen Diktator hoffähig gemacht hat: Schon jetzt ist Kim nicht mehr das Monster mit der Bombe, sondern ein Politiker, der sich sogar Fragen von ausländischen Reportern stellt. Kim weiß um diese Wirkung, er spielte in den kurzen öffentlichen Auftritten regelmäßig darauf an. "Dass wir hier Seite an Seite sitzen, sieht für alle so aus, als wäre es ein Fantasy-Film", sagte er wenige Stunden, bevor der Gipfel platzte. Da ahnte er vielleicht schon, dass der Film vorerst kein Happy End haben dürfte.

Knackpunkt der Verhandlungen war laut Trump, dass Kim forderte, alle Sanktionen gegen Nordkorea aufzuheben – aber den Amerikanern dafür zu wenig anbot. Streit gab es laut Trump darüber, welche der Nuklearanlagen stillgelegt werden sollte. Mit seiner harten Haltung dürfte Donald Trump aber zumindest den Sorgen entgegenwirken, er würde aus Geltungssucht zu vielen Zugeständnissen gegenüber Nordkorea bereit sein. Diese Deutung wollte er auch bei der Pressekonferenz streuen. "Ich möchte es lieber richtig machen, als es schlecht zu machen", sagte Trump.

Trump schwärmt nicht mehr von Kim

Allerdings wich er gleichzeitig der Frage aus, ob er weiterhin eine vollständige Denuklearisierung von Nordkorea verlange. Trump verwies auf verhandlungstaktische Gründe. "Wir wollen eine Menge von ihnen", sagte er nur. Es sei falsch, die diplomatische Nordkorea-Initiative schon jetzt als gescheitert anzusehen. Trump bekräftigte, er werde weiter eine Lösung suchen. Die Beziehung zu Kim sei weiterhin gut, man sei nicht im Streit auseinandergegangen. Trump verneinte auch die Frage, ob er nun die Sanktionen gegen Nordkorea weiter verschärfe wollte.

Auf überschwängliches Lob für den Machthaber verzichtete Trump allerdings diesmal. Statt wie zuletzt von den Führungskompetenzen des Machthabers zu schwärmen, bezeichnete er Kim nun als "einen echten Kerl" mit einem "Charakterkopf". Möglicherweise haben sich die Zweiergipfel zwischen Trump und Kim nun aber überlebt. Stattdessen wäre vielleicht eine Runde mit allen Beteiligten des Konflikts vielversprechender, unter anderem China und Südkorea. Ob und wann es wieder einen Gipfel mit Trump und Kim geben wird, ist noch offen. "Wir werden sehen, ob es passiert. Ich habe mich nicht verpflichtet", sagte Trump. Eine weitere Blamage dürfte sich der Präsident ersparen wollen.