Es ist der Donald Trump, den alle schon lange kennen: ein notorischer Lügner, ein Hochstapler und Betrüger, ein elender Rassist. Michael Cohen, sein früherer Anwalt, hat in der öffentlichen Anhörung vor dem Kontrollausschuss des Repräsentantenhauses in Washington ein Porträt des US-Präsidenten als Mafioso geliefert, das niemanden überraschen kann. Die konkreten Vorwürfe, die Trump irgendwann einholen können, mögen schwer zu belegen sein – die Beweisführung werden andere übernehmen müssen, und sie war nicht die Aufgabe dieses Spektakels, dem die amerikanischen Fernsehzuschauer über viele Stunden kaum ausweichen konnten. Also ist es wohl wieder einmal zu früh für die Frage: Wann wird Trump die Konsequenzen seines Handelns tragen müssen?

Trotzdem eine Antwort: Ist die Rede von Verbrechen und Strafe, sollte das Vertrauen in die amerikanische Justiz genügen. Mehrere Staatsanwaltschaften ermitteln inzwischen zu derart vielen Verdachtsmomenten, es müsste schon mit dem Teufel zugehen, sollte Trump nicht irgendwann seinen Lebensmittelpunkt vom Weißen Haus in einen Gerichtssaal verlegen. Schweigegeldzahlungen an Affären im Wahlkampf, heimliche Geschäftsinteressen in Moskau, undurchsichtige Finanzen im Privaten wie im Politischen und ja: all das auch im Zusammenhang mit der russischen Wahlbeeinflussung von 2016 – was immer daran juristisch relevant ist, wird zu Anklagen führen. Und es dauert so lange, wie es eben dauert. Womöglich ist Trump dann schon nicht mehr Präsident.

Und vorher? Früher, da soll es einmal eine Zeit gegeben haben, in der eine Aussage wie die von Cohen mehr Wucht entfaltet hätte. In der dem Präsidenten nur zu raten gewesen wäre: Treten Sie zurück, bevor andere Ihnen die Entscheidung abnehmen – und er hätte es tatsächlich getan, oder andere hätten es getan. Aber in einer solchen Zeit wäre Trump erst gar nicht ins Weiße Haus eingezogen: Gewählt wurde der Mann, der er heute immer noch ist. Zur betrüblichen Lage gehört auch, dass Cohens Aussage nicht urplötzlich den großen Skandal öffentlich macht. Während alle auf die Explosion warten, brennt es eben schon von Anfang an. Cohen hat dem Puzzle von Trumps Verfehlungen wieder ein paar Teile hinzugefügt, aber einige wollen noch immer nicht das ganze Bild sehen.

USA - Michael Cohen nennt Donald Trump einen Rassisten und Betrüger Trumps ehemaliger Anwalt Michael Cohen belastet den amerikanischen Präsidenten mit seiner Aussage in mehreren Punkten. Trump wirft ihm via Twitter vor, zu lügen. © Foto: J. Scott Applewhite

"Blind, wie ich es getan habe"

Womit wir bei den Republikanern wären, die in diesen Tagen für Trump zu oft das sind, was Cohen für ihn jahrelang war: Handlanger, die durchaus auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, die zugleich genau wissen, wem sie da helfen und wen sie schützen. Cohen, der es noch besser wissen muss, gab ihnen in der Anhörung eine besonders schmerzhafte Erkenntnis mit: "Ich bin verantwortlich für Ihre Dummheit, weil ich zehn Jahre lang getan habe, was Sie jetzt auch tun: Ich habe Mister Trump beschützt." Er warnte, wer dem Präsidenten folge, "blind, wie ich es getan habe", der werde die Konsequenzen erleiden müssen, "die auch ich erlitten habe". In Trumps Firmenimperium hätten alle die Aufgabe gehabt, Trump zu schützen: "Jeden Tag, wenn wir reinkamen, wussten die meisten von uns, sie würden für ihn über irgendetwas lügen, und das wurde zur Norm. Und das ist genau, was gerade jetzt in diesem Land passiert. Es ist genau das, was hier in der Regierung passiert."

Wie recht Cohen im Großen hat, wurde in der Anhörung im Kleinen deutlich. Die Republikaner setzten alles daran, seine Glaubwürdigkeit infrage zu stellen, griffen ihn persönlich an – inhaltlich brachten sie nichts gegen seine Vorwürfe vor. Er finde es interessant, dass keiner der Republikaner ihn auch nur einmal zum Präsidenten befrage, sagte Cohen: "Ich dachte eigentlich, das sei, warum ich heute hergekommen bin." Trump selbst und seine Medienleute hielten es genauso: Alle Reaktionen richteten sich gegen Cohens Charakter, niemand ging auf die Substanz der Aussage ein.

So bleibt am Ende nur zu sagen: Dies ist tatsächlich der Trump, den wir alle kennen. Es sind tatsächlich jene Republikaner, die ihn schon lange gegen jede Vernunft stützen. Und dieses System funktioniert auch, weil zu viele längst abgestumpft sind. Man darf Trumps Gegnern gern vorwerfen, aus jeder neuen Anschuldigung gegen diesen Präsidenten gleich sein nahes Ende konstruieren zu wollen. Aber sie schreien vor allem deshalb so laut, weil anderen längst und noch immer egal ist, wenn im Weißen Haus ein halber Gangster das Sagen hat. Daran wird sich wohl erst etwas ändern, wenn harte und umfängliche Beweise für schwere Verbrechen die politische Entscheidung unausweichlich machen, ob Trump sein Amt bis zum Ende führen kann. Vielleicht nicht einmal dann.