Gut, dass es Donald Trump gibt. Das ist ganz sicher nicht die Meinung dieses Autors. Aber manchmal scheint es, als komme es in Europa vielen ganz gelegen, dass der US-Präsident das Problem ist und seine begrenzte Anwesenheit die Lösung. In einer Erhebung des Pew Research Center glaubten die befragten Deutschen eher an den russischen Präsidenten Wladimir Putin (35 Prozent) oder den chinesischen Präsidenten Xi Jinping (30 Prozent) als an Trump (10 Prozent), wenn es darum geht, wer es in der Weltpolitik richtig macht. Und bei der Münchner Sicherheitskonferenz wurde kaum eine Versicherung wärmer aufgenommen als die des früheren US-Vizepräsidenten Joe Biden, als er über Trump sprach: "Ich verspreche Ihnen, auch das geht vorbei. Wir kommen zurück." Viel zu sehr setzen alle darauf, dass hier nur eine vorübergehende Anomalie die Ordnung der internationalen Beziehungen durcheinanderbringe. Aber das ist zu bequem: Es wird nicht mehr wie früher.

Angela Merkel hat ja Recht, wenn sie in München sagte: "Wir müssen für Europa kämpfen, wir müssen für Multilateralismus kämpfen – gegen alle, die glauben, dass sie es allein schaffen können." Und Trump ist so einer, der es nicht mit Verbündeten hat. Da kann sein Vizepräsident einmal mehr den versammelten Staats- und Fachmännern (noch zu wenigen Frauen) versuchen vorzugaukeln, America first heiße nicht America alone – es bedeutet vor allem: Die USA gehen voran, ihre Partner laufen hinterher oder bleiben zurück. Von der Art internationaler Zusammenarbeit, an die Merkel glaubt, hat sich die Trump-Regierung weitgehend verabschiedet. Ihre nationale Sicherheitsstrategie hat längst eine neue Ära der Rivalität der großen Mächte anerkannt, deren Gefahren sie noch höher einstuft als den Terrorismus. Der aktuelle US-Präsident mag in diesem Wettbewerb gelegentlich wie ein Tölpel agieren, doch er nimmt daran teil. Europa hingegen trainiert, schafft aber kaum die Qualifikation.

Die USA, China und Russland haben in München deutlich gemacht, wo sie stehen. Und auch, dass sie den Kampf weitgehend unter sich ausmachen werden, solange die Europäer mit sich selbst beschäftigt sind. Pence predigte Partnerschaft, wo er Gefolgschaft meinte. Yang Jiechi vom Politbüro der Kommunistischen Partei Chinas pries den Dialog und die internationale Kooperation, während die aggressive Aufstiegsstrategie Chinas eine andere Sprache spricht. Und als der russische Außenminister Sergej Lawrow sprach – welchen Wert internationalen Regeln und vertrauensvoller Zusammenarbeit in Moskau beigemessen wird, ist bekannt – da hörte kaum noch jemand genau hin. China und Russland interessiert die internationale Ordnung nur, wenn sie hilft, ihre Interessen durchzusetzen. Die USA ziehen sich daraus zurück und dürften so schnell nicht wiederkommen.

"Und wir sitzen da"

Und Europas Platz? Außenminister Heiko Maas liegt richtig, wenn er dessen Stärkung als "nationales Kerninteresse" bezeichnet: "Deutschland und seine europäischen Partner – und hier schließe ich Großbritannien ausdrücklich mit ein – brauchen Europa als starken Akteur und nicht als Objekt globaler Politik", sagte er in München. Denn genau das ist Europa noch viel zu sehr. Angela Merkel hat das mit Blick auf die Kündigung des INF-Vertrags in ihrer Rede sehr deutlich gemacht: "Ein Vertrag, der im Grunde für Europa gefunden wurde, ein Abrüstungsvertrag, der unsere Sicherheit betrifft" sei dann von den USA und Russland gekündigt worden – "und wir sitzen da und werden natürlich mit unseren elementaren Interessen auch alles versuchen, um weitere Abrüstungsschritte möglich zu machen". Aber ist Europa dafür stark genug?

Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Sicherheitskonferenz, warb im Kapuzenpulli für Europa. © [M] Christof Stache/AFP/Getty Images

Die Europäer haben grundsätzlich erkannt, dass sie entweder gemeinsam in den Wettbewerb einsteigen müssen oder in der Konkurrenz der Großen untergehen werden. Und wenn Merkel sagt "Europa hat Gegner", dann meint sie: außen wie innen. Trumps Präsidentschaft ist in dieser Hinsicht nicht der Auslöser eines drohenden Verfalls der alten Ordnung, eher Symptom und Verstärker zugleich. Vom Brexit über den aufstrebenden Illiberalismus in Osteuropa bis hin zu den physischen wie psychischen Angriffen Russlands auf das europäische Projekt hängt alles mit allem zusammen. Wenn Trump irgendwann geht, wird das die Dynamik vorerst nur marginal verändern, solange die Europäer ihre inneren Konflikte nicht lösen und nach außen nicht eine echte Macht werden.

Das mag mit einem anderen US-Präsidenten leichter gehen, der die Kraft Europas befördert und nicht schwächt. Doch tatsächlich kommt es darauf an, dass die Europäer sich selbst in die Lage versetzen, ihrem potenziellen Gewicht den angemessenen Einfluss zu verleihen. Das Militärische wird dabei seinen Platz haben müssen, mehr noch wird es darum gehen, auf allen Gebieten der Außenpolitik wirksame Instrumente zu installieren und den politischen Willen aufzubringen, gemeinsam wirklich etwas zu tun. Dazu braucht es große strukturelle Veränderungen innerhalb der EU und ein verändertes Bewusstsein für die europäischen Interessen, ja eine Kultur strategischer Autonomie, die bisher zu schwach und in nationale Horizonte fragmentiert ist. Auch dank der schwelenden Partnerschaftskrise über den Atlantik hinweg hat Europa sich inzwischen auf diesen Weg gemacht – wenn auch mit der üblichen Trägheit und bedroht von innerer Spaltung. Das ist in München wieder deutlich geworden.

Vielleicht ist es also doch ganz gut, dass es Donald Trump gibt. Nur sollte niemand glauben, es könne ohne ihn wieder bequemer werden. Es wird nicht mehr wie früher.