Nach Berichten über einen möglichen dritten Verdächtigen bei dem Giftanschlag auf den russischen ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter Julija in Großbritannien rollt das bulgarische Parlament einen alten Fall neu auf. Wie der Fraktionsvorsitzende der konservativen Regierungspartei Gerb mitteilte, gibt es möglicherweise eine Verbindung zwischen dem Attentat auf die Skripals und einem Giftanschlag in Bulgarien am 28. April 2015.

Damals war der Rüstungsfabrikant Emilian Gebrew bei einem Empfang mit schweren Vergiftungserscheinungen zusammengebrochen und ins Koma gefallen. Sein Sohn und ein Mitarbeiter wurden wegen ähnlicher Symptome behandelt. Alle drei wurden aber wieder gesund. Ein Ausschuss des bulgarischen Parlaments wolle nun Geheimdienstinformationen anfordern.

In der vergangenen Woche hatte die britische Rechercheplattform Bellingcat über einen bislang unbekannten dritten Verdächtigen im Fall Skripal berichtet. Der Mann soll zwei Tage vor dem Anschlag auf den ehemaligen Doppelagenten unter dem Decknamen Sergej Fedotow nach Großbritannien gereist sein. 2015 soll der gleiche Mann außerdem an dem Anschlag auf Gebrew beteiligt gewesen sein. Laut Bellingcat soll Fedotow zwei Tage vor dem Giftanschlag auf Gebrew von Moskau nach Sofia geflogen sein. Den für den 30. April gebuchten Rückflug habe der 45-jährige Russe nicht angetreten. Stattdessen sei er am Abend des 28. April am Istanbuler Flughafen gesehen worden. Im Mai kehrte er für einige Tage nach Bulgarien zurück, wie Bellingcat berichtete.

In bulgarischen Regierungskreisen wurden die Angaben inzwischen bestätigt, wie die Wochenzeitung Capital unter Berufung auf Vertreter des Innenministeriums berichtete.

Erste offizielle Reaktion Bulgariens auf Enthüllungen

Skripal und seine Tochter Julija waren im März 2018 im südenglischen Salisbury dem in der Sowjetunion entwickelten Nervengift Nowitschok ausgesetzt worden. Beide überlebten – mussten jedoch mehrere Wochen im Krankenhaus behandelt werden.

Der Fall Skripal führte zu erheblichen Spannungen zwischen Russland und mehreren westlichen Staaten, da die britische Regierung Russland für den Anschlag verantwortlich macht. Als Verdächtige gelten bisher zwei Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Als Reaktion auf die Tat wiesen zahlreiche EU-Staaten russische Diplomaten aus – Bulgarien gehörte allerdings nicht dazu. Russland wies im Gegenzug britische Diplomaten aus.

Die Erklärung von Gerb-Fraktionschef Zwetan Zwetanow war nun die erste offizielle Reaktion aus Bulgarien auf die Enthüllungen. Zwetanow sagte, er gehe davon aus, dass sich die Behörden in Bulgarien, Großbritannien und der EU über die neuen Entwicklungen austauschen und "aktiv" an einer Aufklärung arbeiten.