David Tan ist allein. Keiner kommt. Nicht um 18 Uhr, wie auf der Einladung angegeben war, nicht um viertel nach sechs, auch nicht um halb sieben. Der 42-Jährige sitzt in dem riesigen leeren Restaurant New Saloon, das seiner Tante gehört und wartet vergebens. Tan ist ein Gilet Jaune, einer der französischen Demonstranten in gelben Warnwesten, die es in den vergangenen Wochen zu ein wenig Prominenz gebracht haben. Im Dezember hat er sogar Premierminister Édouard Philippe getroffen. Eine Partei hat er auch gegründet, Démocratie Action Citoyenne heißt sie. Tan wünscht sich Demokratie, die auf Bürgerpartizipation fußt. Doch für seinen Diskussionsabend an diesem Donnerstag in Rezé südlich der Stadt Nantes interessiert sich niemand. Die Menschen gehen in diesen Tagen lieber zu den Debatten, die Staatschef Emmanuel Macron als Antwort auf die lautstark geäußerte Unzufriedenheit angestoßen hat. Tan schließt das Restaurant hinter sich ab.

Gut drei Monate nach Beginn der Gelbwesten-Proteste in Frankreich scheint die Luft raus zu sein. Zwar werden auch an diesem Samstag wieder Frauen und Männer in gelben Warnwesten auf die Straßen ziehen wie an den vergangenen 14 Samstagen. Und an den Tagen dazwischen demonstrieren sie in sozialen Netzwerken. Mit Ausnahme der Forderung nach besseren Lebensbedingungen gehen die Interessen der verschiedenen – und nicht selten zerstrittenen – Gruppierungen aber häufig auseinander. Das und die gewaltsamen Ausschreitungen an fast jedem Protesttag haben sie in den vergangenen Wochen bereits geschwächt. Doch nun steht die Unterstützung für ihre Absichten komplett auf dem Spiel. Die gut dokumentierten Verbalattacken gegen den jüdischen Philosophen Alain Finkielkraut am Rande einer Demonstration in Paris am vergangenen Wochenende rücken die Gilets Jaunes in die Ecke der Antisemiten. Von hier aus gibt es kein Weiter für sie. Stattdessen hat die Staatsführung wieder die Oberhand gewonnen.

Bereits vor den wüsten Beschimpfungen, die beim "14. Akt" des gelben Bühnenstücks auf Finkielkraut einhagelten, hatte sich die Meinung der Franzosen gegen die Gelbwesten gekehrt. 52 Prozent forderten in einer repräsentativen Umfrage ein Ende der Aktionen. Das waren 15 Prozentpunkte mehr als noch im Januar. Auch die Zahl der Demonstranten geht stetig zurück. Selbst wenn man die Angaben der Gilets Jaunes heranzieht, hat sich der Zulauf seit Beginn der Bewegung im November glatt halbiert.

David Tan wehrt sich noch gegen das Offensichtliche. "Das sind nur Umfragen", sagt er zu dem schwindenden Rückhalt der Franzosen. Sein Diskussionsabend sei nicht gut kommuniziert worden. Ja, die Regierung habe die Registrierung seiner Veranstaltung auf der offiziellen Website granddebat.fr sogar verhindern wollen.

Fréderic Dabi vom Pariser Meinungsforschungsinstitut Ifop hat eine andere Erklärung. "Angst vor dem sozialen Abstieg und Kaufkraft – diese Schlagwörter haben bei vielen Franzosen lange verfangen. Und lange Zeit haben sie auch zwischen Gilets Jaunes und Gewalt unterschieden," sagt er. "Inzwischen machen sie diese Unterscheidung nicht mehr. Stattdessen gibt es große Ermüdungserscheinungen."

Der Überdruss hängt auch damit zusammen, dass sich zahlreiche der selbst ernannten Wortführer der Gilets Jaunes der "großen Debatte" aus dem Ideenfundus des Élysée-Präsidentenpalast verweigern. Seit Januar und noch bis Mitte März finden jeden Abend in ganz Frankreich Dutzende Debatten statt. Bürgermeister, aber auch Privatpersonen organisieren in Veranstaltungshallen, Büros, Wohnzimmern oder Verkaufsräumen von Geschäften Gesprächskreise, bei denen Verbesserungsvorschläge zu Steuergerechtigkeit und Staatsausgaben, zur Energiewende, zur Arbeit der politischen Institutionen und zum gesellschaftlichen Zusammenleben gemacht werden.

Doch während zum Beispiel in Bobigny, einer nicht eben wohlhabenden Gemeinde östlich von Paris, am vergangenen Montag rund zwei Dutzend Menschen ihren Feierabend konzentriert an vier Tischen verteilt verbringen und konstruktiv Ideen erarbeiten, verbreitet die Facebook-Seite La France en colère ("Das wütende Frankreich") unter einem großen Banner Folgendes: "Die GJ sind antisemitisch geworden. Was werden wir bei Akt 15 sein? Die Medien werden schon irgendetwas erfinden." Eine der Antworten darauf auf der virulentesten aller Webseiten der Gilets Jaunes: "Wir sind nicht antisemitisch, aber gegen Zionisten, die uns regieren."

24 Stunden später hat La France en colère sein Titelbild geändert. Dort steht nun: "Die Gilets Jaunes sind gegen Rassismus, Antisemitismus und jegliche Art von Diskriminierung aufgrund der Herkunft." Im wohlhabenden Pariser Westen beginnt in einer Schneiderei für Maßanzüge ein Gesprächskreis, der gut fünf Stunden bis Mitternacht dauern wird. Nicht weit davon treffen sich ehemalige und amtierende Führungskräfte in Anzug und Krawatte zum After-Work über die Reform der Institutionen.