Auch wenn sie sicher nicht die gleichen Sorgen haben wie jene Gilets Jaunes, die zu Beginn der Bewegung gegen hohe Kraftstoffpreise aufbegehrten, teilen sie eine Einschätzung: Frankreichs Zentralismus habe in eine Sackgasse geführt. Die Bürger fühlten sich der Regierung in Paris ausgeliefert. Die Rathauschefs in den Gemeinden sollen mehr Entscheidungsbefugnisse bekommen, weil sie näher an den Menschen sind, finden die Anwesenden. Diese und andere Ideen werden protokolliert und am Ende der Sitzung an den Élysée geschickt. Genauso wie die vielen anderen Seiten, die an diesem und allen anderen Abenden gefüllt werden.

Was macht derweil Eric Drouet, einer der lautstarken Sprachrohre der Gelbwesten? Um 21 Uhr beginnt die selbst fabrizierte und von Montag bis Freitag auf Facebook verbreitete Nachrichtensendung La Quotidienne des Gilets Jaunes (etwa: Tagesschau der Gelbwesten). Zugeschaltet ins Küchenstudio zwischen Spülbecken und Regal ist diesmal ein Gesprächsgast, der als Erstes die Frage stellt, was denn ein "Semit" sei. Zur Erklärung des Antisemitismus sei zunächst festzuhalten, dass auch Juden gegen den Zionismus seien. Dann klärt er noch über den "Godwinpunkt" auf. Der von dem Rechtsanwalt und Sachbuchautor Mike Godwin geprägte Begriff aus der Internetkultur besage kurz gesagt, dass mangels besserer Alternativen in einer Auseinandersetzung als Totschlagargument ein Nazivergleich falle. Ähnliches mache die Regierung nun mit den Gilets Jaunes: "Weil sie keine Argumente haben, bezeichnen sie uns als Antisemiten."

Sollten Drouet und seine Freunde diese Zeilen lesen, werden sie sie als Beweis benutzen, dass auch ZEIT ONLINE ein gleichgeschaltetes und von den Mächtigen gesteuertes Medium sei. Das ist seit Wochen ihr "Godwinpunkt".

Der Historiker Laurent Joly urteilt: "Der schwindende Zuspruch für die Bewegung macht die Ultras der Bewegung sichtbarer, die sich radikalisieren und sich an ihrem Hass nähren. Ich glaube nicht, dass sie für die Gilets Jaunes insgesamt stehen. Aber von ihnen hört man am meisten."

Unterdessen spielt Frankreichs Staatschef die Schwächung der Gilets Jaunes in die Hände. Seine Beliebtheitswerte steigen wieder an. Die "große Debatte" gibt den Menschen das Gefühl, angehört zu werden – wie schon während Macrons Wahlkampagne 2017, als er seine Helfer von Haus zu Haus schickte, um Frankreich den Puls zu fühlen. Obwohl eine Mehrheit der Franzosen noch Mitte Januar erklärte, an der Grand Débat nicht teilnehmen zu wollen, wurden auf der zugehörigen Website granddebat.fr mehr als 850.000 Vorschläge eingereicht. Bis Mitte März werden vermutlich mehr als 7.000 Veranstaltungen stattfinden. Gleichzeitig ist die Debatte Macrons liebste Bühne. Bei mehreren Treffen mit Lokalpolitikern und Bürgern wurde er auch nach vielen Stunden des direkten Dialogs nicht müde. Manche seiner Gesprächspartner verfluchten seine Energie, die sie erst zu später Stunde nach Hause kommen ließ.

Die politische Opposition und viele Gelbwesten kritisieren die Debatten als Ablenkungsmanöver und nicht gezählte Parteiwerbung im Vorfeld der Europawahlen. Die Fragebogen, die als Anleitung für die Gesprächskreise im Internet heruntergeladen werden können, zielen tatsächlich oft deutlich darauf, die Unausweichlichkeit des Regierungsprogramms zu verdeutlichen. Doch vielerorts halten sich die Teilnehmer gar nicht an diese Vorlagen und geben ihre eigenen Fragen und Vorschläge zu Protokoll. Bemerkenswert ist dabei, dass sie dann oft gar nicht den zentralen Forderungen vieler Gelbwesten folgen. Volksreferenden wie in der Schweiz? Die Franzosen kennen sich gut genug, um diesem Verlangen skeptisch gegenüber zu stehen. Die Menschen wollen Steuergerechtigkeit, ja. Aber wichtiger als die Wiedereinführung der Vermögenssteuer ist ihnen, dass Steuerschlupflöcher geschlossen werden und Unternehmer in Arbeitsplätze investieren.

Wie es jetzt weitergeht? Auf der Website La France en colère haben Gelbwesten ein Ultimatum publiziert. "Wenn am 15. März um Mitternacht unsere Forderungen nicht respektiert werden, rufen wir ganz Frankreich dazu auf, nach Paris zu fahren." Die Autoren des Aufrufs dürften ähnlich enttäuscht werden wie David Tan am Donnerstagabend.