Der Himmel über Dublin war grau am vergangenen Dienstag, Wolken drückten ins Land und der Wettermann im Fernsehen warnte vor Glatteis. Drinnen im Parlament wurde es ungemütlich für den irischen Premierminister Leo Varadkar, der eine Warnung ausgesprochen hatte.

"Ich weiß nicht, wo das Land in zehn oder zwölf Wochen stehen wird. Wenn es zu einem harten Brexit ohne Deal kommt, wird das alles verändern (…) Es könnte sein, dass wir in zehn oder zwölf Wochen eine Menge Geld aufbringen müssen, um Arbeitsplätze zu retten."

Varadkar musste sich Vorwürfe gefallen lassen, weil er die Löhne von Krankenschwestern, Pflegern und Hebammen nicht erhöht hatte, die einen Streik für den nächsten Tag planten. Aber offenbar ist er nicht gewillt, die Löhne egal für wen in absehbarer Zeit zu erhöhen. Am gleichen Morgen hatte der Finanzminister der Regierung einen Bericht für den Fall eines ungeordneten No-Deal-Brexits vorgelegt: Demnach würde das Wachstum um sechs Prozent zurückgehen und die Arbeitslosigkeit um zwei Prozent steigen.

Ernüchternder Notfallplan

Das irische Finanzministerium behauptet immer noch – weniger als zwei Monate bevor Großbritannien die EU verlässt –, dass ein geordneter Austritt der wahrscheinlichste Ausgang ist. Aber weil die Zeit knapp wird und es kaum Anzeichen gibt, dass Theresa May ihren Brexit-Deal durchs britische Parlament bringen oder neu verhandeln kann, plant Irland auch ein No-Deal-Szenario. Bereits vergangenen Dezember wurde ein Notfallplan veröffentlicht. Der irische Außenminister Simon Coveney beschrieb das Dokument als "krass" und "ernüchternd".

Kein anderes EU-Land würde mit einem No-Deal-Brexit so viel verlieren wie Irland. Rund zwölf Prozent der irischen Warenexporte gehen nach Großbritannien; im Lebensmittelhandel sind es sogar 40 Prozent. Und rund zwei Drittel der irischen Exporte, die für das europäische Festland bestimmt sind, passieren Großbritannien. Wenn Großbritannien am 29. März aus der EU fliegt, werden Importe von Großbritannien und Exporte dorthin unmittelbar betroffen sein, weil die EU-Regeln durch die Regeln der Welthandelsorganisation WTO ersetzt werden. Es gäbe eine neue Bürokratie, neue Kontrollen und Zölle, möglicherweise unangenehme Verzögerungen. Kurz gesagt: Potenzial für Chaos.

"Uns würde das in die Verlustzone stoßen"

Kaum ein Ort in Irland würde bei einem No-Deal-Brexit so viel verlieren wie das Grenzdorf Muff in Donegal. Dieser nordwestliche Landkreis, dessen hügelige Landschaft sich dem Meer entgegenschwingt, wird oft als der Schönste des Landes gepriesen. Aber nach Meinung mancher hat die Regierung ihn vernachlässigt, die Infrastruktur ist dürftig, die jungen Menschen verlassen die Region, um in Dublin zu arbeiten, wenn nicht gleich in Australien, Kanada oder Dubai.

Ganz anders Aine Mullan, die ihren Job in einem Unternehmen in Dublin gekündigt hat, um in ihre Heimat Muff zurückzukehren und mit ihrem Mann David die Boghopper-Brauerei aufzubauen. Auf dem Gelände der Brauerei summen und gluckern große silberne Tanks, in denen das Bier in 1.000-Liter-Chargen gebraut wird. Draußen plätschert fünf Meter entfernt ein Bach vorbei. Er ist die Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland, die zur westlichsten Landgrenze der EU werden wird. Aine etikettiert Flaschen und packt sie in braune Kartons. Die Etiketten werden von einer anderen Firma gleich nebenan hergestellt, aber die Kartons, Flaschen und der Hopfen kommen aus Großbritannien. "Im Falle eines No-Deal-Brexit würden die WTO-Regeln gelten und die Leute werden anfangen Zölle auf die Flaschen zu erheben, die importiert werden", sagt Aine. "In einer Brauerei sind die Gewinnmargen sehr, sehr gering. Uns würde das in die Verlustzone stoßen."

Sich darauf vorzubereiten, sei aber nicht möglich. "Was auch immer geschieht, wir können es nicht kontrollieren, also müssen wir einfach abwarten und sehen, was passiert."