Die größte Verzerrung in der Wahrnehmung von Phänomenen wie dem "Islamischen Staat" (IS) ist, dass insbesondere Beobachter im Westen sie oft mit dem vergleichen, was sie am besten kennen: Armeen, kriminelle Vereinigungen, Terrorgruppen europäischen Musters. Beim IS kann das falsche Schlüsse provozieren.

In diesen Tagen verliert der IS die letzten von ihm gehaltenen Quadratkilometer syrischen Bodens. Praktisch von allen Seiten sind die verbliebenen Kämpfer, wohl einige Hundert, von kurdischen und arabischen Kämpfern der Syrian Democratic Forces umzingelt. 

Amerikanische, britische und französische Spezialkräfte stehen ebenfalls bereit. Lange wird es nicht mehr dauern, und das Kalifat wird Geschichte sein. Schon vor zwei Wochen kündigte Präsident Donald Trump an, er werde diese Gelegenheit nutzen, den Sieg über den IS zu verkünden. Und was könnte die Beseitigung des Möchtegernstaates der Dschihadisten anderes sein als eine endgültige Niederlage für den IS? Geschrumpft von einem Gebiet mit dem Ausmaß Österreichs auf einige staubige Straßen in der syrischen Halbwüste – obwohl die Terroristen vier Jahre lang davon schwadronierten, sie würden "bleiben und sich ausdehnen"?

Tatsächlich hat der IS zwei Jahre lang seine Niederlage geplant. Er hat Geld beiseitegeschafft, seine wichtigsten Kader in Sicherheit gebracht — und er hat sich verwandelt. Zurückverwandelt, genau genommen: in eine Guerilla-Truppe, die im Irak bereits wieder täglich gezielte Anschläge und Attentate begeht und darauf wartet, dass die Unzufriedenheit der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit wieder so stark ansteigt, dass ihnen die Rekruten in Scharen zulaufen. Diese Verwandlung ist Teil der DNA des IS. Er ist immer so groß, wie es gerade geht. Aber er geht nicht ein, wenn er gewaltsam geschrumpft wird.

Es ist ein bisschen wie bei dem bösen Magier Voldemort in den Harry-Potter-Romanen: Es mag Phasen geben, in denen er zu schwach ist, um eine greifbare physische Präsenz zu entfalten. Aber er ist da, seine Lehre ist da, seine Anhänger sind da. Eines Tages, davon ist der IS ebenso überzeugt wie Lord Voldemort, wird er wieder zu alter Größe anwachsen. 

Im Schrifttum des IS ist dieser Gedanke seit Jahren ein zentrales Dogma. Die Existenz als Guerilla-Truppe gilt der Organisation als Überlebensmodus, bis bessere Tage kommen. Dafür, dass sie wiederkehren, hat der IS alles getan: Die Verheerung Syriens und des Irak wird so viel Unzufriedenheit und Konflikt produzieren, dass der IS davon nur profitieren kann. Auch Al-Kaida, der in den vergangenen Jahren fast in Vergessenheit geratene Schoß, aus dem der IS kroch, ist eine lernende Organisation: anpassungsfähig, willens und bereit, in das Vakuum vorzustoßen, dass der IS einstweilen hinterlässt. Beide, IS wie Al-Kaida, träumen weiter von spektakulären Anschlägen, nicht zuletzt im Westen. Träumen bei diesen Gruppen heißt jedoch: planen, daran arbeiten, technisch aufrüsten. 

Schließlich kommt beiden zupass, dass es auch außerhalb des Nahen Ostens genügend Regionen gibt, die so instabil sind, dass sie Dschihadisten Unterschlupf bieten, auf den Philippinen, auf dem Sinai, in Afghanistan, in der Sahelregion. Es wäre schön, wenn der Einsatz der aus mehr als 70 Staaten bestehenden Militärallianz gegen das Kalifat dem Problem des Dschihadismus den Garaus bereitet hätte. Aber die Wahrheit ist, dass es für den Westen — für den Moment — vielleicht eine Verschnaufpause von der Terrorangst gibt; anderswo gibt es nicht einmal das.

Deshalb muss man den Blick weiten. ZEIT ONLINE hat mit vier renommierten Fachleuten aus vier Ländern gesprochen, um sie nach ihrer Einschätzung zu der Zukunft des Dschihadismus zu befragen. 

HASSAN ABU HANIEH, Jordanien

Hassan Abu Hanieh © Yassin Musharbash

Hassan Abu Hanieh lebt in Jordanien und ist einer der anerkanntesten Terrorexperten des Nahen Ostens. Er hat unter anderem über die Ideologie des IS und Dschihadistinnen geforscht. 

Hassan Abu Hanieh lacht, aber es ist ein bitteres Lachen: "Eine schwarze Komödie ist das", sagt er, "sonst nichts!" Das ist auf jene gemünzt, die jetzt von einem Sieg über den IS sprechen: "Nichts als Gerede." Abu Hanieh ist überzeugt, dass der IS den Verlust seines Pseudostaates von vornherein eingeplant hat: "Diese Leute denken langfristig, und die sind auch nicht alle tot." Man müsse nur in den Irak blicken, jeden Tag verübe der IS dort Anschläge. Allerdings sei das Ziel in dieser Phase nicht, Städte zu erobern.

Stattdessen arbeite der IS daran, Kontrolle über wichtige Verbindungsstraßen zu erlangen. Schon jetzt kassierten die Dschihadisten mancherorts Zölle. Sie erhöben Steuern, wenn jemand in der Nähe ihrer Rückzugsorte ein Geschäft eröffnen wolle. "Es ist wieder wie vorher", sagt Abu Hanieh und meint damit die Jahre vor der Eroberung Mossuls im Sommer 2014 und der anschließenden explosionsartigen Ausbreitung des IS. "Der IS wird von den Sollbruchstellen im Irak profitieren, vom ungelösten Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten. Ohne dass seine Leute einen Finger krummmachen müssen."

Diese Leute wissen genau, dass es nirgendwo im Nahen Osten eine positive Entwicklung gibt, schon gar nicht in der Politik. Die Zahlen stützen Abu Hanies Sicht. 51 Anschläge mit 134 Toten reklamierte der IS allein für die vorletzte Woche für sich, 40 Prozent davon fanden im Irak statt. Nicht alle lassen sich verifizieren, aber westliche Geheimdienste zählen ähnlich. Die Unzufriedenheit im Land, insbesondere unter Sunniten, ist dramatisch.

Dazu kommen über eine Million Binnenflüchtlinge, die oftmals in Camps leben. Und Tausende mutmaßliche IS-Anhänger samt Familien, die niemand für integrierbar hält und die in Lagern im eigenen Saft schmoren. Die Bedingungen, die dem IS seinen Aufstieg ermöglichen, existieren — ja, was eigentlich: wieder? Immer noch? Es ist, als habe der IS seinen eigenen Teufelskreis geschaffen.

Für den Moment diagnostiziert Hassan Abu Hanieh freilich eine "Irakisierung" des IS. Anschläge im Westen hätten keine Priorität. "Die warten ab, betätigen sich als Mafia und Guerilla", lautet sein Fazit. Der IS könne sich das Abwarten leisten. Seine Leistung bestehe darin, dass er alle anderen sunnitischen Widerstandsgruppen verschluckt habe. Wer unzufrieden ist, soll das heißen, hat nicht viele Alternativen zum IS. 

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PAUL CRUICKSHANK, USA

Paul Cruickshank

Paul Cruickshank ist Terrorismus-Analyst des Nachrichtensenders CNN. Zuletzt erschien von ihm das zusammen mit Aimen Dean und Tim Lister verfasste Buch "Nine Lives", in dem Deans Erlebnisse als Spion innerhalb Al-Kaidas beschrieben werden. Cruickshank ist außerdem Chefredakteur des "CTC Sentinel", einer Fachzeitschrift des Combating Terrorism Centers an der amerikanischen Militärakademie West Point.

"Die dschihadistische Bedrohung gegenüber weiten Teilen der Welt ist 2019 erhöht, aber weniger akut als zu ihrem Höhepunkt 2015 und 2016. Der Hauptgrund ist, dass die Kapazitäten des IS für externe Operationen in Europa signifikant reduziert wurden. Was es dem IS erlaubte, verheerende Anschläge wie jene in Paris oder Brüssel auszuführen, war der stete Zustrom freiwilliger Kämpfer aus dem Ausland, die ausgebildet und zum Töten zurückgeschickt werden konnten. Aber jetzt gibt es kein Kalifat mehr, in das man einwandern könnte. Der IS hat fast das gesamte Gebiet verloren, das er einst kontrolliert hat, und viele seiner gefährlichsten Planer für externe Operationen, eingeschlossen jene Kader, die online und aus der Ferne Anschlagsvorhaben befeuert und aus Orten wie Rakka gesteuert haben, sind nun tot oder auf der Flucht. 

Aber der IS ist noch lange nicht besiegt und bleibt eine signifikante Bedrohung der internationalen Sicherheit, insbesondere weil er laut einem aktuellen UN-Report Zugriff auf 50 bis 300 Millionen US-Dollar hat, die er für Anschläge nutzen könnte. Dazu kommt: IS-Kader, die aus dem Nahen Osten entkommen oder in andere Teile der Welt gezogen sind, könnten als eine Art Offizierskaste der Zukunft in Erscheinung treten. Die Terrornetzwerke der Zukunft sind in Syrien und im Irak im Grunde schon herangezüchtet worden. Fast 18 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gibt es wieder verstörende Hinweise, dass der IS Kapazitäten für externe Operationen in Afghanistan aufbaut. Die UN haben kürzlich enthüllt, dass mehrere Anschlagspläne, die in der jüngsten Zeit in Europa entdeckt und vereitelt wurden, ihren Ursprung beim IS in Afghanistan hatten. 

Es besteht außerdem die Sorge, dass das Al-Kaida-Netzwerk, das in den vergangenen Jahren vor allem seine Operationen in der arabischen Welt ausgebaut hat, sich wieder daranmachen könnte, seine fernen Feinde anzugreifen. Aiman al-Sawahiri, der Anführer der Kaida-Zentrale, hat seine Drohgebärden gegenüber den USA heraufgefahren. Die mit Al-Kaida affiliierte Gruppe Al-Shabaab in Somalia hat sich selbst bezichtigt, einen Anschlag in Nairobi ausgeführt zu haben, weil Aiman al-Sawahiri zu Anschlägen gegen westliche Interessen aufgerufen hatte. Eine Gruppe erfahrener Kaida-Loyalisten, die im syrischen Idlib stationiert sind – Hurras al-Din –, stehen im Visier der Anti-Terror-Beamten wegen ihres Zugangs zu ausländischen Rekruten. Der britische Sicherheitsminister Ben Wallace warnte erst kürzlich, dass Al-Kaida sich wieder erhebe und immer weitere Anschlagspläne in Europa vorantreibe und auf die Luftfahrt ziele. 

Es ist wahrscheinlich, dass die Mehrzahl eventueller Anschlagsversuche im Westen 2019 von Einzeltätern ausgehen wird, die simple Methoden wie Messer, Fahrzeuge oder Schusswaffen wählen. Aber das können verheerende Angriffe werden, wie in Nizza und Orlando demonstriert wurde. Nachdem der IS bereits chemische Kampfstoffe und bewaffnete Drohnen eingesetzt hat, besteht zudem die wachsende Befürchtung, dass Terrorgruppen im Westen unkonventionelle Waffen einsetzen. Ein Szenario, das etwa die Polizei in New York umtreibt, ist eine Drohne im Luftraum über der Stadt, die mit einem chemischen Kampfstoff ausgerüstet wurde. Skizzen von Drohnen, die für das Abwerfen von Bomben entworfen wurden, wurden laut Sunday Times vor Kurzem im Rahmen einer Terrorermittlung in Großbritannien entdeckt.

Eine Schwelle wurde überschritten, als die Polizei im Juni 2018 in Köln einen Mann festnahm, der mutmaßlich hochgiftiges Rizin hergestellt hatte. Wenn die Vorwürfe sich vor Gericht bestätigen, wäre es das erste Mal, dass ein dschihadistischer Terrorist im Westen erfolgreich Rizin produziert hätte. Im Sommer 2017 vereitelte die australische Polizei bereits einen mutmaßlichen Anschlagsplan, den der IS aus der Ferne dirigiert hatte und bei dem Giftgas zum Einsatz kommen sollte. Dieselbe Zelle versuchte mutmaßlich auch, eine Bombe an Bord eines Passagierjets zu schaffen, der von Sydney aus starten sollte, nachdem der IS den Mitgliedern der Zelle zuvor Bauteile geschickt hatte, die in ihrer Summe einen Sprengsatz ergaben. Es besteht Sorge vor einer Art Ikea-Terrorismus, bei dem Komponenten, die nur noch zusammengebaut werden müssen, an Fanatiker versandt werden. Die müssten dann nicht mehr in Terrorcamps reisen, um Bombenbau zu studieren. Mehr Extremisten als je zuvor könnten so mit Hightech-Möglichkeiten ausgestattet werden. Ihre Pläne wären schwieriger zu entdecken. Das könnte weitreichende Folgen für unser aller Sicherheit haben."

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ASSAF MOGHADAM, Israel und USA

Assaf Moghadam © Ella Foust

Der Deutsch-Amerikaner Assaf Moghaddam wirkt am Interdisciplinary Center Herzliya in Israel und an der Columbia University in New York. Er erforscht, wie Terrororganisation kooperieren und sich entwickeln. 

"Aus Sicht des internationalen Terrorismus war 2018 ein eher enttäuschendes Jahr. In Syrien und im Irak ist das selbst ernannte Kalifat des sogenannten "Islamischen Staats" zusammengebrochen. Im Zuge dieses Zerfalls fechten der IS und Al-Kaida einen Machtkampf um die Vorherrschaft innerhalb einer gespaltenen und stark polarisierten globalen Dschihadbewegung aus.

Laut des hoch angesehenen Terrorforschungsinstituts an der University of Maryland wurde 2017 bereits im dritten Jahr in Folge ein Rückgang bei der Anzahl weltweiter Terroranschläge und den daraus resultierenden Todesopfern verzeichnet. Für 2018 sind noch keine Daten veröffentlicht worden, doch das Institut erwartet, dass der Abwärtstrend weiter anhält. Auch in Europa hat der dschihadistische Terrorismus im vergangenen Jahr dank der ununterbrochenen Arbeit zahlreicher Sicherheitsorgane und einer Reihe von effektiveren Gesetzgebungen seitens verschiedener Staaten 20 Todesopfer gefordert – erheblich weniger also als noch drei Jahre zuvor, als alleine bei den Anschlägen in Paris 130 Menschen umkamen. 

Diese Entwicklungen sind zwar erfreulich, aber Euphorie ist in Bezug auf 2019 aus mindestens drei Gründen unangebracht. Erstens ist die Bedrohung durch den Terrorismus heute geografisch viel weiter verbreitet. In verschiedenen Konflikten in der islamischen Welt, etwa im Jemen und in Libyen, machen etliche militante Gruppierungen nicht nur von Guerillataktiken, sondern auch von Terrorismus Gebrauch, um ihre politischen Ziele voranzutreiben.

In Syrien und im Irak hat der IS zwar 99 Prozent jenes Gebietes eingebüßt, das er zum Zeitpunkt seiner größten Machtausdehnung kontrollierte. Zugleich ist er aber noch weit davon entfernt, vollends besiegt zu sein, allem Wunschdenken des amerikanischen Präsidenten zum Trotz. Sollte Präsident Trump sein Versprechen eines baldigen Abzugs der amerikanischen Truppen aus Syrien einlösen, wird dies eine Rückkehr des IS in Teile seines ehemaligen Territoriums massiv begünstigen.

Neben dem IS muss 2019 aber auch weiterhin mit Al-Kaida gerechnet werden, deren lokale Ableger vor allem in der Maghreb- und Sahelregion ebenso wie in Ostafrika großen Einfluss ausüben. Darüber hinaus sind zahlreiche sowohl mit dem IS als auch mit Al-Kaida affiliierte oder von ihnen inspirierte Gruppen in weiten Teilen Süd- und Südostasiens aktiv.  

Zweitens existieren trotz der Errungenschaften im Kampf gegen die terroristische Bedrohung noch viele der strukturellen Faktoren weiter, die den internationalen Terror befeuern. So hat beispielsweise die Ideologie des globalen Dschihadismus auch nach dem Verlust des sogenannten IS-Kalifats allem Anschein nach wenig an ihrer Attraktivität eingebüßt. Ein weiterer Faktor sind Bürgerkriege und bewaffnete Aufstände, die sich an vielen globalen Brennpunkten abspielen. Der heutige Terrorismus floriert vor allem im Rahmen dieser Gewaltkonflikte, die besonders häufig in Staaten entstehen, welche von schwacher Regierungsführung und ineffektiven Institutionen geprägt sind. Das erlaubt es gewaltbereiten Akteuren, relativ ungehindert zu rekrutieren, trainieren und anderweitig zu agieren. Die Folge dieser Konflikte ist in der Regel eine zusätzliche Schwächung staatlicher Strukturen (bis hin zu Staatsversagen), was einen den Terrorismus stimulierenden Teufelskreis schafft. 

Terroristische Akteure machen sich auch weiterhin das Internet und die sozialen Medien zunutze, um ihre Ziele in die Tat umzusetzen. Zwar gehen soziale Netzwerke heute drastischer gegen terroristische und radikalisierende Inhalte vor, doch das schiere Ausmaß des Problems und hauseigener Personalmangel stellen Facebook, Twitter und ähnliche Plattformen weiterhin vor immense Herausforderungen."

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ELISABETH KENDALL, Großbritannien

Elisabeth Kendall © Elisabeth Kendall

Elisabeth Kendall lehrt Arabisch und Islamwissenschaften an der Universität Oxford. Sie ist Experten für Al-Kaida und den Jemen. 

ZEIT ONLINE: Dr. Kendall, eines Ihrer Spezialgebiete ist das Studium der Propaganda und Literatur dschihadistischer Gruppen, insbesondere Al-Kaidas. Was streben die Dschihadisten an?

Elisabeth Kendall: Die übergeordneten Ziele haben sich nicht geändert: korrupte Herrscher loswerden, islamisches Recht umsetzen und Nichtmuslime aus der muslimischen Welt vertreiben. Wir sehen allerdings seit einigen Jahren, wie diese Ziele immer mehr mit lokalen Angelegenheiten verknüpft werden. Die Dschihadisten finden heraus, was die Menschen an einem gegebenen Ort umtreibt, und versuchen dann, das aufzunehmen. Ein Beispiel war der Ministaat, den Al-Kaida zeitweise im jemenitischen Hadramaut errichtet hatte. Dort kümmerten sich die Kaida-Leute um Wasser, Elektrizität, Müllabfuhr, Straßenbau, all solche Dinge. Ihre Botschaft war: Wenn wir herrschen, laufen diese Sachen besser. Die Scharia-Gesetze wurden erst nach und nach eingeführt. Man muss Al-Kaida als lernende Organisation begreifen, die aus Fehlern Lehren zieht.

ZEIT ONLINE: Al-Kaida war in der westlichen Öffentlichkeit nach dem Aufstieg des IS praktisch kein Thema mehr. Die Organisation nutzte diese Jahre dafür, sich als moderate Alternative zu inszenieren. Sie schien sogar bereit, ihre Marke zugunsten lokaler Auftritte aufzugeben. 

Kendall: An vielen Orte tauchte Al-Kaida in der Tat lange vor allem als Ansar al-Scharia auf: als Unterstützer der Scharia. Das sollte ein frisches, positives Label sein. Aber der Name Al-Kaida taucht jetzt wieder häufiger auf. Das könnte daran liegen, dass Aiman al-Sawahiri, der Führer der Al-Kaida-Zentrale, massiv versucht, wieder mehr internationale Einheitlichkeit herzustellen. Ich vermute, in seinen Augen ging die Regionalisierung Al-Kaidas zu weit. 

ZEIT ONLINE: Al-Kaida spielt heute viele Rollen: Kriegspartei in Syrien, lokale Miliz im Jemen, Untergrundnetzwerk in Afghanistan. Wie kohärent ist die Gruppe?  

Kendall: Die Anhänger nennen einander allesamt Brüder. Ihre übergeordneten Ziele reichen trotz aller Unterschiede aus, Zusammengehörigkeit zu erzeugen. Auch wenn jeder an seinem Ort auf seine Weise aktiv ist. Aber Befehlsstrukturen und Kontrolle sind nur gering ausgeprägt. 

ZEIT ONLINE: Al-Kaida im Jemen (AQAP) war lange die schlagkräftigste Filiale weltweit. Die Gruppe war in der Lage, Anschläge im Westen zu organisieren. 

Kendall: Heute ist AQAP einigermaßen dezimiert. Städte wie Mukalla, die sie zwischenzeitlich regierten, wurden ihnen abgenommen. Spione und Drohnen haben ihnen so zugesetzt, dass sie in den Untergrund gezwungen wurden. Zudem kämpft Al-Kaida im Jemen physisch gegen den IS. Aber das alles kann sich schnell wieder ändern! Wenn jemand frustriert ist, wütend, zornig, dann wird er anfällig, sich den Mudschahedin anzuschließen. Und es ist sehr leicht, den Dschihadismus als Lösung für jedes lokale Problem zu verkaufen. Deshalb fürchte ich auch, dass die Lage im Jemen in genau dem Moment wieder schlimmer werden könnte, in dem es ein Friedensabkommen gibt, weil ein solches natürlich viele Menschen nicht zufriedenstellen wird.

ZEIT ONLINE: Historisch gab es für Al-Kaida stets zwei Pole: Mal standen Angriffe auf den nahen Feind im Vordergrund, also auf die arabischen Herrscher und Staaten. Dann wieder ging es vornehmlich gegen den fernen Feind, also die USA und den Westen. Jetzt sagen einige Analysten, Al-Kaida sei wieder dabei, den Blick Richtung Westen zu lenken, insbesondere angesichts des Vakuums, das die Niederlage des IS geschaffen hat. Teilen Sie diesen Eindruck? 

Kendall: Ja, ich stimme dem zu. Al-Kaida ist sehr geduldig, hat die Ausrufung eines Kalifats nie selbst vorangetrieben. Heute sagt Al-Kaida sehr deutlich: Wir sind noch hier, der IS nicht mehr! Kommt und schließt uns euch an! Der Gedanke, große internationale Anschläge auszuführen, war nie weg. An jedem 11. September feiert Al-Kaida die Anschläge von 2001 und kündigt an, einen solchen Schlag zu wiederholen. Im Dezember 2017 entgleiste in Washington, D.C., ein Zug. Viele Al-Kaida-Mitglieder waren sicher, das müsse einer ihrer Anhänger herbeigeführt haben. Denn in ihrem Online-Magazin Inspire hatte AQAP eine Anleitung zur Entgleisung von Zügen inklusive westlicher Streckenpläne veröffentlicht. 

ZEIT ONLINE: Sie wären also nicht überrascht, wenn ein großer Anschlagsplan Al-Kaidas in den USA oder in Europa entdeckt würde?

Kendall: Ich bin mir nicht sicher, ob Al-Kaida so etwas derzeit organisieren kann. Aber ein Attentäter mit Verbindungen zu Al-Kaida oder ein Tatplan, der durch Al-Kaida inspiriert wurde: Ja, das ist definitiv vorstellbar. 

ZEIT ONLINE: Aiman al-Sawahiri ist seit dem Tod von Osama bin Laden der Chef Al-Kaidas. Er lebt im Verborgenen und äußert sich ab und an mit Ansprachen. Wie sehen Sie seine Rolle? 

Kendall: Sie wird unbedeutender. Es gibt Respekt ihm gegenüber. So tickt Al-Kaida, man zeigt Respekt gegenüber alten Führern. Aber seine letzte Ansprache an Weihnachten hat keine großen Wellen geschlagen, nicht einmal in den dschihadistischen Chatgruppen. Für Bin Ladens Sohn Hamza, der eine Zeit lang eine wichtige Rolle spielte, gilt dasselbe. Zuerst titulierten die Anhänger ihn respektvoll als Scheich, heute nur noch als Bruder. 

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass wir die globale Szene der Dschihadisten manchmal zu sehr unter dem Gesichtspunkt von Organisationen betrachten?

Kendall: Das ist ganz bestimmt so! 

ZEIT ONLINE: Wenn wir uns diese globale dschihadistische Community einmal ohne Frage der Mitgliedschaft anschauen: Ist sie in den vergangenen Jahren gewachsen oder kleiner geworden? 

Kendall: Im Lauf der vergangenen Dekade ist sie sicher größer geworden. Labels wie IS oder Al-Kaida sind heute weniger wichtig. Diese Menschen sehen sich als Mudschahedin. Welchem Club sie angehören, ist nicht zentral. Es sind wir im Westen, die auf diese Schubladen fixiert sind.


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