Die liberale Regierung in Paris und die populistisch-rechte Regierung in Rom befehden sich seit Monaten. Luigi Di Maio, stellvertretender Regierungschef in Italien empfing kürzlich französische Gelbwesten und forderte sie auf, weiterzukämpfen – gegen die französische Regierung. Anfang Februar zog Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kurzzeitig seinen Botschafter aus Rom ab – ein Affront. Doch wie sieht es vor Ort aus? Wie geht man an der französisch-italienischen Grenze mit dem Streit um?

Mitten in der diplomatischen Krise zwischen Rom und Paris lernt der Italiener Enrico Ioculano Französisch. "Damit wir uns künftig noch besser verstehen", sagt er und grinst. Ioculano ist Bürgermeister der italienischen Grenzstadt Ventimiglia und heißt Flüchtlinge willkommen. Jean-Claude Guibal, Bürgermeister der französischen Grenzstadt Menton, knappe elf Kilometer von Ventimiglia entfernt, freut sich über den Sprachkurs seines Kollegen. Aber mehr auch nicht. Er ist 78 Jahre alt und will "nicht mehr die Schulbank drücken". Und was die Flüchtlinge angeht, die sollten bitte drüben bleiben.

Natürlich wissen beide: Auch wenn die Regierungen sich streiten, sie müssen hier vor Ort miteinander auskommen. Ihre Bürger nämlich stehen in einem regen Austausch. Jeden Tag pendeln Tausende von ihnen über die Grenze: zum Arbeiten, zum Wohnen, zum Einkaufen und Essen. Und jeden Tag filzen französische Beamte den Zug, der von Ventimiglia nach Menton fährt. Sie suchen unter den Sitzen, auf den Toiletten und unter dem Zug nach Geflüchteten, die nach Frankreich reisen wollen, sie kontrollieren alle Personen, die nicht mitteleuropäisch aussehen.   

Die Grenzstädte fürchten um ihre Partnerschaft

Enrico Ioculano, Bürgermeister der italienischen Stadt Ventimiglia © Annika Joeres

Ioculano muss für seine italienischen Pendler sorgen, und möchte nicht, dass sie durch das schlechte Klima ihre Arbeit verlieren. Guibal will für sein französisches Menton weiterhin Touristen aus Italien anziehen. Ohne die Grenzgänger ging es beiden Städte mit ihren je 25.000 Einwohnern sicherlich schlechter. Aber die aktuelle Krise zwischen Paris und Rom bringt ein Ungleichgewicht zutage: Die Grenze ist ein Gewinn für die französische Stadt, aber für die italienische ist sie eine gefühlte Bedrohung geworden.

Wer französische Bürger in Menton nach dem italienischen Nachbarn fragt, hört Geschichten vom guten Essen, günstigen Strandliegen und dem schönen Wochenmarkt. Wer italienische Bürger in Ventimiglia fragt, dem schlägt meist die Wut über die abgeschottete Grenze entgegen. Die Wut hat den Rechtspopulisten in Rom an die Macht verholfen und macht sie auch heute gegen Macron und Europa stark.