Indiens Premierminister Narendra Modi hatte wohl darauf gehofft, sich im Wahlkampf als starker Mann zu profilieren. Es ist ihm nicht ganz gelungen. Vor zwei Tagen ließ Modi ein Terrorlager in der pakistanischen Provinz Khyber-Pakhtunkhwa bombardieren, die direkt an die umstrittene Bergregion Kaschmir grenzt. Er reagierte damit auf einen Terroranschlag in Kaschmir. In der langen Geschichte des Streits um die Region war es das erste Mal, dass Indien so etwas getan hat – und nun ist der Konflikt erst recht eskaliert.

Pakistan war nicht gewillt, der Formulierung Neu-Delhis zu folgen, wonach es sich bei der Bombardierung um einen Antiterroreinsatz und "nicht-militärischen Präventivschlag" handele. Am Mittwoch schossen dann pakistanische Militärmaschinen ein indisches Kampfflugzeug über Kaschmir ab und nahmen den Piloten in Gefangenschaft. Jetzt ist der Luftraum über Pakistan für den zivilen Verkehr gesperrt, denn die Regierung rechnet mit indischen Angriffen. Tausende von Flügen müssen weltweit umgeleitet werden. Käme es tatsächlich zum Krieg zwischen den beiden Atommächten, hätte das nicht nur Folgen für Südasien.

Die Situation ist äußerst angespannt: Zum ersten Mal seit fast 50 Jahren befinden sich die Luftwaffen beider Länder in einer direkten Konfrontation. Der letzte Krieg zwischen Indien und Pakistan fand 1971 statt und endete mit der Niederlage Pakistans und der Abspaltung des Staates Bangladesch, des früheren Ostpakistan.

Indiens Premier steht schwach da

Dass Pakistan den indischen Piloten Abhinandan Varthaman gefangen genommen hat, macht aber auch Hoffnung auf Verhandlungen. Die indische Öffentlichkeit drängt darauf, ihn so schnell wie möglich nach Hause zu holen. In den sozialen Medien kursieren Videos, die den Geschwaderkommandanten mit geschwollenem Gesicht und blauem Auge zeigen, doch Varthaman sagt darin auch, dass die pakistanische Armee ihn gut behandle. Offenbar haben pakistanische Soldaten ihn an der Absturzstelle vor Misshandlungen der lokalen Bevölkerung in Sicherheit gebracht.

Indiens Premier Modi steckt jetzt in einem Dilemma. Gelingt es ihm nicht, den Piloten freizubekommen, steht er als schwach da – aber das tut er auch, wenn er sich entscheidet, auf den pakistanischen Abschuss der indischen Maschine nicht zu reagieren. Pakistans Außenminister Shah Mehmood Qureshi seinerseits hat am Mittwoch bereits signalisiert, dass sein Land bereit sei, den indischen Piloten freizulassen und auch über Terrorismus zu reden, "wenn es der Deeskalation dient". Am Donnerstag kündigte auch Pakistans Premierminister Imran Khan die Freilassung des Piloten als "Geste des Friedens" an.

In Indien aber macht jetzt die Opposition gegen Modi mobil. 21 Parteien warnten in einem gemeinsamen Statement die regierende Bharatiya Janata Partei (BJP) vor einer "Politisierung der Opfer, die unsere Streitkräfte bringen". Das Statement, das vom Präsidenten der Kongress-Partei Rahul Gandhi verlesen wurde, wirft Modi vor, in dieser Situation kein All-Parteien-Treffen einberufen zu haben, "wie es in unserer Demokratie üblich ist". Stattdessen ließ sich Modi in zahlreichen öffentlichen Auftritten kurz nach dem Angriff auf das Terrorlager als Held feiern. Doch er freute sich zu früh.

Auf einer taktischen Ebene ist die für April anberaumte Parlamentswahl in Indien wichtig, um die Zuspitzung des Konflikts zu verstehen. Strategisch betrachtet war die Eskalation schon lange absehbar. Seit beide Länder im Besitz von Atomwaffen sind, kann Indien auf Terrorangriffe aus Pakistan kaum militärisch reagieren, denn Islamabad droht für diesen Fall mit einem nuklearen Gegenschlag. Und einen Atomkrieg will tatsächlich niemand.