Der Autor ist Professor für Geschichte Lateinamerikas an der Freien Universität Berlin. Er leitet dort die Abteilung Geschichte am Lateinamerika-Institut sowie am Friedrich-Meinecke-Institut. 2012 erschien sein Buch "Lateinamerika und die USA. Eine Geschichte zwischen den Räumen – von der Kolonialzeit bis heute".

Nicolás Maduro hat Venezuela zugrunde gerichtet und macht keine Anstalten, zu gehen – trotz der humanitären Krise im Land und obwohl sein Gegner, Parlamentspräsident Juan Guaidó, von vielen Venezolanerinnen und Venezolanern unterstützt wird. Auch zahlreiche Staaten haben Guaidó bereits als Interimspräsidenten anerkannt, unter anderem Deutschland und die USA. Dass Maduro dennoch an seinem Amt festhält, hat viel Empörung ausgelöst. Und doch regt sich sofort Widerstand in ganz Lateinamerika und auch in anderen Ländern, als US-Präsident Trump andeutet, eventuell auch militärische Mittel einzusetzen, um Venezuela von der Diktatur zu befreien. Ein Blick in die Geschichte macht klar, warum das so ist.

Nord- und Südamerika erlangten Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihre Unabhängigkeit. Damals waren sie Avantgarde: Erstmals fegten antikoloniale Revolutionen hier flächendeckend die europäische Herrschaft hinweg, ersetzten Republiken die Monarchie. Damals betrachtete man die eigene, westliche Hemisphäre der Welt als etwas Besonderes, das sich von Europa unterscheiden sollte. In diesem Sinn formulierte Präsident James Monroe 1823 die berühmte nach ihm benannte Doktrin, nach der sich die Europäer gefälligst aus den Amerikas heraushalten und schon gar keine Anstalten zur Rückeroberung machen sollten.

Allerdings war die Monroe-Doktrin nicht mit den Lateinamerikanern abgestimmt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wandelte sie sich zunehmend zu einer Floskel, mit der Interventionen der Vereinigten Staaten in lateinamerikanische Länder gerechtfertigt wurden. Im Jahr 1846 zettelte US-Präsident James K. Polk einen Krieg gegen Mexiko an, in dem das Nachbarland fast die Hälfte seines Territoriums verlor. Es war der Auftakt für zunehmend spannungsreiche Beziehungen.

Als die USA nach überstandenem Bürgerkrieg seit den 1870er-Jahren zu einer Industriemacht aufstiegen, weiteten sie ihre Übergriffe aus. Einen ersten Höhepunkt erreichte ihr Weltmachtstreben im Jahr 1898, als sie in den Krieg zwischen den kubanischen Unabhängigkeitskämpfern und Spanien eingriffen und sich die Reste des einst stolzen spanischen Kolonialreichs – Kuba, Puerto Rico und die Philippinen – als Beute sicherten.

Hohn und Verachtung

In den Vereinigten Staaten hatte sich im 19. Jahrhundert die Vorstellung verfestigt, ein auserwähltes Land zu sein. Sie wurde als Argument genutzt, um die eigene Machtpolitik vom Imperialismus der Europäer zu unterscheiden. Im Gegensatz zu diesen ging es den USA angeblich nicht um ihren eigenen Nutzen, sondern um die Zivilisierung der "unreifen" und "wilden" lateinamerikanischen Staaten. Man betrachtete die Nachbarn zunehmend mit einer Mischung aus Hohn und Verachtung.

Und die Lateinamerikaner? Sie sahen dem zunehmend aggressiven Treiben im Norden keineswegs passiv zu. Schon der Freiheitskämpfer Simón Bolívar hatte die USA 1826 nicht zum ersten Panamerikanischen Kongress nach Panama eingeladen. 80 Jahre später prangerte der kubanische Dichter und Nationalheld José Martí den US-Imperialismus an und rief die Lateinamerikaner zur Solidarität für "unser Amerika" auf. Und als nach dem Ersten Weltkrieg die Zahl der US-Interventionen zunahm und die Vereinigten Staaten zum unumstrittenen Hegemon in den Amerikas aufgestiegen waren, trauten sich auch lateinamerikanische Regierungsvertreter, das Gebaren der Yankees öffentlich zu kritisieren.

Dann besann sich die US-Regierung auf einen Politikwechsel. Damals war Franklin D. Roosevelt Präsident. Die Weltwirtschaftskrise war gerade vorbei, und in Europa und Asien begannen totalitäre und nationalistische Regimes ihren Aufstieg. Roosevelt reagierte darauf mit seiner "Politik der guten Nachbarschaft". Er wollte die beiden Amerikas für den bevorstehenden Kampf gegen die Diktatoren vereinen.

Doch mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war der Frühling in den interamerikanischen Beziehungen schon wieder vorüber. Der Kalte Krieg verlangte die volle Aufmerksamkeit Washingtons, Lateinamerika verlor an Bedeutung. Dort hatte es erste Demokratisierungsansätze gegeben, doch anstatt diese vorbehaltlos zu unterstützen, blieb die US-Politik ambivalent.