Ein sicheres Indiz für die Bedeutung einer öffentlichen Person ist, wenn sich niemand mehr namentlich zu ihr äußern will. Und bei Interviewanfragen zu Manuel Marchena erntet man derzeit freundliche Absagen. Der spanische Richter wird als Präsident der Strafkammer des Obersten Gerichtshofes ab heute den Prozess gegen die Anführer der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung leiten. Wegen der Durchführung eines Referendums und der Ausrufung der Unabhängigkeit im Herbst 2017 sind zwölf Politiker der Rebellion, Untreue und des Ungehorsams angeklagt. Die Staatsanwaltschaft fordert Haftstrafen zwischen sieben und 25 Jahren. (Lesen Sie hier alles über das Verfahren.)

Den Richter, der darüber zu befinden hat, schildern Kollegen als detailbesessenen, peniblen Arbeiter und exzellenten Juristen. Andere beschreiben Manuel Marchena als überzeugten Konservativen und Parteifreund der konservativen Volkspartei PP. In der knappen offiziellen Biografie finden sich keine Hinweise auf politische Zugehörigkeiten. Sicher ist: Ab heute steht der 1959 auf Gran Canaria geborene Richter im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit.

Im marmorverkleideten Foyer des Tribunal Supremo in Madrid ist Lampenfieber zu spüren. Richter sprechen vom "wichtigsten Strafprozess in der Geschichte der Demokratie". Mit über 600 akkreditierten Journalisten und Journalistinnen aus 50 Ländern ist es zumindest einer, der enormes Interesse erregt. Die öffentliche Debatte in Spanien bestimmt er ohnehin seit Monaten, ganz besonders in Katalonien. Die Unabhängigkeitsbewegung sieht allein in der Anklageerhebung den Beweis für Rachejustiz. Das Wort vom "Franco-Land" macht die Runde: In einem Land, das seine Militärdiktatur nie überwunden habe, erwarten die katalanischen Politiker keine Gerechtigkeit, die Urteile seien schon längst geschrieben. Und von Belgien aus versäumt der im selbst gewählten Exil lebende, ehemalige Ministerpräsident Carles Puigdemont keine Gelegenheit, auf die angeblich mangelnde Qualität der spanischen Demokratie zu verweisen.

Da überrascht es wenig, dass kurz vor Prozessbeginn auch die spanische Justiz zur Gegenoffensive rüstet. Ausländischen Journalisten händigte man ein 93 Seiten dickes Dossier über die "Unabhängigkeit der Justiz in Spanien" aus. Spanien sei eines der Länder, dessen Urteile am wenigsten vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angefochten werden, ist darin zu lesen. Auf dem Demokratieindex von The Economist befände sich das Land weiter unter den vollwertigen Demokratien.

Ist Marchena befangen?

Die Positivpropaganda ist nicht allein dem Prozess gegen die Separatisten geschuldet. Immer wieder gab es in den letzten Monaten Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Obersten Gerichtshofes. Im Herbst sorgte erst eine abrupte Kehrtwende in einem Hypothekenurteil für Empörung: Das Tribunal Supremo revidierte innerhalb von zwei Tagen sein eigenes Urteil und ersparte Banken Rückzahlungen in Milliardenhöhe. Kurz darauf stand die Unabhängigkeit der Richter erneut auf dem Prüfstand. Ein Politiker der konservativen Volkspartei PP brüstete sich damit, den parteieigenen Wunschkandidaten zum Vorsitzenden des Generalrats der Justiz befördert zu haben, eben des Gremiums, das in Spanien die Richter bestimmt. Die korruptionsgeschüttelte Partei werde den Strafgerichtshof künftig "durch die Hintertür" kontrollieren. Eine Welle der Empörung schwappte durch die Medien, und der fragliche Richter verzichtete auf das hohe Amt. 

Es war niemand anderes als Manuel Marchena. Ausgerechnet er soll nun den Rädelsführern des Procès, wie das politische Streben nach Unabhängigkeit in Spanien genannt wird, den Prozess machen. Die Verteidiger der Angeklagten hatten vergeblich einen Befangenheitsantrag gegen ihn gestellt. Zu Recht?