Frankreich ist wegen der unmenschlichen Behandlung eines minderjährigen Flüchtlings im einstigen Elendslager "Dschungel von Calais" verurteilt worden. Die französischen Behörden seien ihrer Pflicht nicht nachgekommen, den afghanischen Jungen zu schützen und hätten damit seine Menschenrechte verletzt, urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Demnach war das Flüchtlingslager eine "völlig unangemessene Umgebung" für Kinder.  

Das Kind war nach Angaben des Gerichts im Alter von elf Jahren von Afghanistan nach Frankreich gekommen. Es strandete in dem Zelt- und Hüttenlager im Norden Frankreichs und hoffte auf eine Einreise nach Großbritannien. Obwohl er mithilfe einer NGO seine Unterbringung in einer speziellen Einrichtung gerichtlich durchsetzte, nahmen die Behörden den Jungen nicht in Obhut. Deshalb habe er monatelang ohne Betreuung in einer "inakzeptablen Unsicherheit" gelebt, urteilte das Gericht. Verschlimmert habe sich seine Lage noch, als seine Hütte im Zuge der Teilräumung des Lagers 2016 zerstört worden sei.

Frankreich wurde nun dem Urteil zufolge angewiesen, dem jungen Afghanen, der heute in Großbritannien lebt, 15.000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen. Das Urteil kann jedoch noch innerhalb von drei Monaten angefochten werden.

Im "Dschungel von Calais" hausten vor der Räumung im Jahr 2016 zwischenzeitlich bis zu 8.000 Migrantinnen und Migranten unter unwürdigen Bedingungen. Frankreich hatte in Straßburg geltend gemacht, dass der Junge sich nicht bei den Behörden gemeldet habe und nicht auffindbar gewesen sei. Dieses Argument ließ das Gericht angesichts des Alters des Kindes nicht gelten. Frankreich habe die Pflicht gehabt, die Kinder in dem Lager zu schützen, selbst wenn diese Hilfsangebote von sich aus nicht in Anspruch genommen hätten.