Angesichts der großen Weltprobleme könnte man schnell in eine tiefe Depression fallen. Wie erdrückend viele Probleme sind, demonstrierte am vergangenen Wochenende wieder einmal die Münchner Sicherheitskonferenz: der rasant fortschreitende Klimawandel, mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht, hoch aggressive Mächte wie Russland, China und die USA, Aufrüstung statt Abrüstung, der Syrienkrieg, der wachsende Konflikt zwischen Iran und Israel, der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, der Vormarsch rechtspopulistischer Regierungen und illiberaler Demokratien und so weiter und so weiter.

Der Auftritt der amerikanischen Regierung in München verdunkelte weiter die sowieso schon recht trübe Stimmung. US-Vizepräsident Mike Pence hielt eine Rede allein zum Wohlgefallen seines Präsidenten Donald Trump. Er ignorierte die Europäische Union und weitgehend auch die Nato, er maßregelte Deutschland für den Bau der Gaspipeline Northstream 2 und verlangte, dass die Europäer dem Beispiel der Vereinigten Staaten folgen und aus dem Atomabkommen mit dem Iran austreten.

Die Gefahr für den Weltfrieden scheint für Pence und Trump vornehmlich von zwei Regimen auszugehen, vom iranischen und vom venezolanischen. Ihnen widmete er den größten Teil seiner Rede. Saudi-Arabien, die weltweiten Fluchtbewegungen, die Kluft zwischen Arm und Reich, der Klimawandel, den laut einer Umfrage des renommierten Pew Research Institute in Washington die Mehrheit der Menschheit als größte Bedrohung empfindet, kam gar nicht oder nur unter ferner liefen vor.

Doch trotz aller monströsen Herausforderungen und bitteren Enttäuschungen gab es in München einen anderen Blick auf diese Welt, einen zuversichtlicheren und hoffnungsvolleren. Diesen Blick hatten unter vielen vor allem zwei Frauen, Bundeskanzlerin Angela Merkel und IWF-Präsidentin Christine Lagarde.

Merkel, ungewohnt leidenschaftlich

Beginnen wir protokollgerecht mit Merkel, die womöglich das letzte Mal auf dieser jährlichen Konferenz als Bundeskanzlerin sprach. Ihr schleichender Abschied von der Macht scheint für sie wie eine Befreiung. In bislang nie dagewesenen Klarheit zählte Angela Merkel die brandgefährlichen Krisen auf. Ziemlich direkt sagte sie auch, woran eine Lösung allzu oft scheitere, etwa an den Egoismen, an der brachialen Ellbogenmentalität, am um sich greifenden Nationalismus und der Arroganz etlicher Regierungen und ihrer Chefs.

Ohne die Schuldigen in Moskau, Peking, Washington und anderen Hauptstädten namentlich zu erwähnen, kritisierte Merkel deren Aggression und plädierte in ungewohnter Leidenschaftlichkeit für mehr Kooperation und internationalen Schulterschluss, für einen neuen, mutigen Aufbruch der Multilateralisten.

Das tat ebenso die Französin und IMF-Chefin Christine Lagarde. Sie widersprach der allgemeinen Larmoyanz und dem Klagelied vom angeblich unabwendbaren Ende der liberalen Nachkriegsordnung. Ihr Widerspruch entsprach nicht bloßem Wunschdenken, denn in München wurden durchaus einige ebenso reale wie ermutigende Gegentrends sichtbar.

Während Donald Trump die Axt an die Nato, den Freihandel und die Uno legt und bei jeder Gelegenheit offen demonstriert, dass ihm der Multilateralismus und Organisationen wie die EU nicht nur schnurz, sondern zutiefst zuwider sind, reisten in diesem Jahr aus Washington so viele amerikanische Senatoren und Abgeordnete nach München wie noch nie in der Geschichte der Sicherheitskonferenz.

Über die Parteigrenzen hinweg wollten sie ein gemeinsames Signal für die liberale Nachkriegsordnung setzen, für die Nato und den Freihandel, für den Multilateralismus und Organisationen wie die Vereinten Nationen und die Europäische Union. Erst vor Kurzem verabschiedete der amerikanische Kongress mit überwältigender Mehrheit eine Resolution zur Unterstützung des gemeinsamen Verteidigungsbündnisses und des Prinzips gegenseitigen Einstands.

Es ist in der Regel unüblich, dass amerikanische Politiker im Ausland die Außenpolitik ihrer Regierung kritisieren. Doch im Angesicht ihres ebenso disruptiven wie destruktiven Präsidenten verzichteten viele der nach München Gekommenen auf diese Zurückhaltung, darunter auch einige Republikaner. Angereist war ebenso Joe Biden, Barack Obamas ehemaliger Vizepräsident, der sich wahrscheinlich um die demokratische Präsidentschaftskandidatur für die Wahl 2020 bewerben wird. Zu stehenden Ovationen versprach er: "We will be back." Wir Amerikaner, die wir den Wert der transatlantischen Beziehungen kennen und wertschätzen, kommen zurück an die Macht.