Auch wenn ich vor gut zwei Jahren mit meinen Wahlprognosen danebenlag und dachte, die Demokratin Hillary Clinton würde als erste Frau ins Weiße Haus einziehen – ich wage trotzdem eine Voraussage für 2020, für die nächste Wahl: Dann könnte, nach 45 Männern, erstmals eine Präsidentin ins Weiße Haus einziehen. Die Chancen stehen gut, dass eine Demokratin den Republikaner Donald Trump ablösen wird.

Wenn man dieser Tage durch US-Nachrichtenkanäle und -Talkshows zappt, behaupten eine Reihe von Strategen allerdings, die Zeit sei noch nicht reif für eine Frau. Wenn überhaupt, dann könne nur ein Mann Donald Trump besiegen, ein weißer natürlich, und möglichst einer, der aus dem Mittleren Westen stammt. Von dort also, wo Trump bei der Wahl 2016 die entscheidenden Stimmen gewann.

Die Wahl 2020, sagen diese Leute, sei kein Moment für Experimente. Wer Trump Wähler abspenstig machen wolle, der müsse auf Nummer sicher gehen, sprich: einen weißen Mann in den Kampf ums Weiße Haus schicken, am besten mit einer Frau als Vize. Das ist, mit Verlaub, ziemlicher Unsinn. Denn abgesehen davon, dass es bisher noch jedes Mal als vermeintlich allzu großes Wagnis galt, wenn eine Frau oder ein nicht weißer Mann sich um das Amt bewarben (das war 2008 auch bei dem Afroamerikaner Barack Obama so), fehlt diesem Argument die Grundlage.

Die Frauen führen den Widerstand an

Außer Acht gelassen wird zum Beispiel, dass Hillary Clinton 2016 beinahe Präsidentin geworden wäre. Sie erhielt fast drei Millionen Wählerstimmen mehr als ihr Konkurrent. Rund 136 Millionen Amerikaner gingen am 8. November 2016 wählen, davon votierten 46,01 Prozent für Trump und 48,17 Prozent für Clinton. Die Demokratin scheiterte nicht an zu wenigen Wählern, sondern an dem altertümlichen amerikanischen Wahlsystem, in dem es nicht darauf ankommt, wer die meisten Wählerstimmen, sondern wer die meisten Wahlmänner und -frauen gewinnt. Und Clinton scheiterte natürlich auch daran, dass sie ebenso unbeliebt war wie Trump. Sie war die denkbar schlechteste Kandidatin, die ihre Partei ins Rennen schicken konnte.

Ein weiteres Argument für 2020: Frauen stellen mehr als die Hälfte aller amerikanischen Wahlberechtigten. Sie machen laut dem Center for American Women and Politics der renommierten Rutgers Universität auch stärker als Männer von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Außerdem: Frauen favorisieren – anders als Männer – mehrheitlich Kandidaten der Demokraten. Diese Tatsachen allein reichten 2016 nicht aus, um Clinton zum Sieg zu tragen. Die Stimmen der Frauen konnten den großen Vorsprung, den Trump unter Männern hatte, nicht wettmachen. Dafür war Clinton eben auch unter Frauen, die ja keine politisch homogene Gruppe sind, zu umstritten.

Jetzt sind es Frauen, die den Widerstand gegen Präsident Donald Trump anführen. Sie waren es, die am Tag nach seiner Amtseinführung die Protestmärsche organisierten, zu denen eine Million Menschen kamen. Sie vor allem waren es, die den Republikanern bei den Halbzeitwahlen im November eine schwere Niederlage zufügten. Und sie waren es, die mit ihren Stimmen dafür sorgten, dass mehr weibliche Abgeordnete als je zuvor in den amerikanischen Kongress einzogen.

Schließlich: Es sind derzeit in erster Linie Frauen, die sich vorwagen und ankündigen, sie wollten Trump in knapp zwei Jahren das Präsidentenamt streitig machen. Vier Demokratinnen, allesamt Senatorinnen in Washington, haben bereits bekannt gegeben, dass sie sich um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei bewerben wollen. Weitere werden folgen.

Wer tritt gegen Trump an?

Natürlich werden die Frauen nicht unter sich bleiben. Es haben sich schon jetzt einige männliche Kandidaten gezeigt und bald werden noch mehr dazukommen. Aber es ist sehr gut möglich, dass gegen Ende des Vorwahlkampfs in der Demokratischen Partei zwei, drei Frauen vorne liegen und den finalen Wettkampf unter sich ausgetragen. Dann wird, wie in jedem Fall, also auch wenn Männer gewinnen sollten, die Frage wichtig: Wer von ihnen hat das Zeug, Donald Trump zu besiegen? 

Ihre Kandidatur erklärt haben bislang unter anderem die eher linke Senatorin Elizabeth Warren aus Massachusetts, die scharfzüngige Kirsten Gillibrand aus New York und die ehemalige Staatsanwältin und Afroamerikanerin Kamala Harris aus Kalifornien. Dabei wird es aber aller Voraussicht nach nicht bleiben. Bedeckt hält sich bislang immer noch Amy Klobuchar, die Senatorin aus Minnesota. Aber viele Demokraten nehmen an, dass auch sie bald in den Ring steigen wird.

Es könnte ein spannender Wettbewerb werden. Vor allem Klobuchar, die diesseits des Atlantiks bisher kaum jemand kennt, bringt Eigenschaften mit, die sie auch für Wähler der Mitte attraktiv machen. Die ehemalige Staatsanwältin kommt aus dem Mittleren Westen und wurde jüngst in ihrem Bundesstaat, den Trump 2016 beinahe gewonnen hätte, mit über 24 Prozent Vorsprung gegenüber ihrem republikanischen Konkurrenten als Senatorin wiedergewählt. Minnesota liegt in der Nachbarschaft zu Iowa, Wisconsin, Ohio und Michigan, zu Staaten, die 2008 und 2012 zweimal Obama zum Präsidenten gewählt haben, aber am 8. November 2016 zu Trump überliefen. 

In Amerika erlangte Amy Klobuchar als Senatorin vergangenes Jahr nationale Berühmtheit, als sie bei der Anhörung den Obersten Richter Brett Kavanaugh befragte, den eine Psychologieprofessorin beschuldigt, sie vor über 36 Jahren zu vergewaltigen versucht zu haben.

Vor allem aber: Anders als Trump ist Klobuchar freundlich und auf Ausgleich bedacht. Sie hat ein fröhliches Temperament und besetzt seit Langem jene Themen, für die sich Trump nur wenig interessiert, die aber laut Umfragen die meisten Amerikaner sehr beschäftigen: eine bezahlbare Krankenversicherung für alle, bezahlbare Universitätsausbildungen sowie gute und vom Staat ausreichend finanzierte öffentliche Schulen. Amerikas Frauen sind derzeit die Treiberinnen des politischen Wandels, der sie – bei aller Vorsicht mit Prognosen – bis ins Weiße Haus tragen könnte.