Venezuelas Parlamentspräsident Juan Guaidó hat sich zum Übergangspräsidenten ernannt und fordert vom amtierenden Staatschef Nicolás Maduro eine Neuwahl. Die vergangene Präsidentenwahl bezeichnet er als unrechtmäßig. Mehrere lateinamerikanische Staaten sowie die USA, Kanada und einige EU-Länder wie Deutschland erkannten Guaidó an. China, Russland und Kuba halten zu Maduro.

Das erdölreiche Venezuela steckt in einer politischen und wirtschaftlichen Krise. Die Versorgungsprobleme dauern bereits einige Jahre an, das Land ist politisch gespalten. Hunderttausende vor allem ärmere Menschen bezeichnen sich als "Chavistas" in Anlehnung an Hugo Chávez, der 1999 die Macht übernommen hatte und den "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" verkündete. Bevor er 2013 starb, bestimmte er als seinen Nachfolger Maduro. Doch die Unterstützung für diesen bröckelt – auch wegen der wirtschaftlichen Misere.

Die eher konservative Opposition, die sich in vielen Fragen uneins ist, sieht ihre Chance auf eine Machtübernahme gekommen. Auf den Straßen protestieren Studierende sowie Männer und Frauen aus der Mittel- und Oberschicht, aber zunehmend auch ärmere Menschen gegen Maduro. Gleichzeitig solidarisieren sich Hunderttausende mit den Sozialisten.


1.370.000 Prozent Inflationsrate errechnete der internationale Währungsfonds vergangenes Jahr für Venezuela

Die Inflationsrate, die der Internationale Währungsfonds 2018 für Venezuela errechnet hat, steht ziemlich allein da im Vergleich zu allen anderen Staaten weltweit. In den meisten Ländern ist sie einstellig, in einigen kriselnden Staaten erreicht sie Werte von 20 bis 30 Prozent wie etwa in Libyen oder Iran oder gar 90 wie im Südsudan. In Venezuela errechnete der IWF für das vergangene Jahr 1,37 Millionen Prozent, im laufenden sollen es zehn Millionen werden.

Aus der Inflationsrate lässt sich kaum errechnen, um wie viel teurer Brot, Milch oder Windeln für die Venezolanerinnen und Venezolaner wirklich geworden sind. Der Wert der Währung Bolívares kann sich stündlich ändern. Für die meisten Menschen zählt auch nicht, was Indizes angeben, sondern, ob sie für die Scheine etwas bekommen und wie viel ein Händler auf der Straße konkret verlangt. Das kann sich von Straßenzug zu Straßenzug unterscheiden.

Die Zahl drückt aber aus, wie schlimm die Lage für die Menschen in dem Land ist. Vielen fällt es schwer, sich eine Mahlzeit zu organisieren, auch die medizinische Versorgung ist mancherorts zusammengebrochen. Mit der eigentlichen Währung des Landes, die man zum Beispiel als Lohn ausgezahlt bekommt, lässt sich kaum noch etwas bezahlen, wenn es nicht subventioniert und damit teuer für den Staat ist. Die Menschen sind auf den Schwarzmarkt angewiesen, manche hungern. Auch für Unternehmen ist die Inflation ein Problem, gerade wenn sie im Ausland einkaufen müssen.

Die Regierung von Nicolás Maduro hat einiges versucht, um die Inflation zu stoppen – von der Streichung einiger Nullen bis zur Einführung einer digitalen Währung –, in den Griff hat sie das Problem nicht bekommen.

5.037.445.031 Milliarden Bolivares Auslandsverschuldung erwartet der internationale Währungsfonds für Venezuela in diesem Jahr

Mathematikerinnen würden die Auslandsverschuldung Venezuelas in der Landeswährung der Einfachheit halber so darstellen: 5.037445e+18. Auch Nicht-Mathematiker verstehen, dass das sehr viel und schwer abzutragen ist. Die hohe Zahl hat auch mit dem Verfall der Landeswährung Bolívar zu tun, die im Vergleich zu anderen Währungen völlig entwertet wird. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt liegt die Verschuldung laut Währungsfonds in diesem Jahr bei gut 162 Prozent und damit doppelt so hoch wie in Deutschland.

Maduro selbst war mehrfach im Ausland, um neues Geld einzusammeln und den Staatsbetrieb aufrechtzuerhalten. Den Großteil hat er sich in China und Russland geliehen, dafür wurden auch Rechte am noch zu fördernden Erdöl abgetreten. Die beiden Länder können kein Interesse an einem Regimewechsel haben, wenn auch nur die Möglichkeit besteht, dass Rückzahlungen dann ausfallen. 

Dabei ist Venezuela lange als Geldgeber linker Bewegungen vor allem in Lateinamerika aufgetreten. So existieren enge Verbindungen mit Kuba, das im Gegenzug für Öllieferungen Ärztinnen und Ärzte entsandt hat.    

3.000.000 Flüchtlinge aus Venezuela zählte der UNHCR

Die miserable Lage hat viele Venezolanerinnen und Venezolaner aus dem Land getrieben. Wie viele genau, lässt sich nicht sagen, das UN-Flüchtlingshilfswerk geht von drei Millionen aus. In einigen Nachbarländern wie Brasilien griffen Einheimische die Geflüchteten an, die oft in Lagern an der Grenze leben. An mehreren Grenzorten gab es Ausschreitungen zwischen den Einreisenden und der lokalen Bevölkerung, Brasilien entsandte Militär. Peru und Ecuador verschärften die Einreisebestimmungen. 

Bis vor wenigen Jahren kamen die Menschen eher nach Venezuela. Vor allem aus Kolumbien flohen viele Menschen vor Gewalt und Armut in das sozialistische Nachbarland. Seit die venezolanische Hauptstadt eine der höchsten Mordraten der Welt hat und die Versorgung mit Lebensmitteln und Medizin an vielen Orten zusammengebrochen ist, zieht es viele der rund 30 Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner ins Ausland. Darunter sind auch viele gut ausgebildete Menschen, die nun der Wirtschaft fehlen.

1.137.000 Barrel Rohölproduktion pro Tag meldet die OPEC aus Venezuela

Venezuela verfügt über die größten nachgewiesenen Ölreserven der Opec-Staaten. Allerdings geht die Fördermenge seit Jahren zurück, vor zehn Jahren lag sie laut Opec noch bei gut 2,3 Millionen Barrel pro Tag. Einen stärkeren Rückgang der Ölförderung unter den Mitgliedsländern der Organisation musste Ende 2018 nur der Iran hinnehmen (Opec-Report, pdf), der mit Sanktionen belegt ist.

Venezuela schafft es kaum noch, notwendige Reparaturen an Anlagen zu finanzieren und in neue Bohrungen zu investieren, Fachkräfte verlassen das Land. Zudem ist der Preis für das Erdöl stark gefallen. So brach die Haupteinnahmequelle des Landes weg, Öl macht etwa 95 Prozent der Exporte aus.

Als Hugo Chávez 1999 die Macht übernahm, führte er die Einnahmen aus dem Ölgeschäft mehr der einfachen Bevölkerung zu. Allerdings wurde das Geld nie in den Aufbau der Wirtschaft oder zukunftsweisender Wissenschaft und Technik investiert. Ein großer Teil floss in Konsumgüter, oft an Unterstützerinnen und Unterstützer des Präsidenten. Die ölfinanzierten Importe haben auch dazu beigetragen, heimische Produktion abzuwürgen. Berichte, wonach ein großer Teil der Einnahmen des staatlichen Ölkonzern PDVSA in den Taschen des Managements verschwindet, gab es schon vor Chávez. Immer wieder wurden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wegen Korruption festgenommen, auch in den USA.

Die Verflechtungen zwischen den USA und Venezuela auf dem Gebiet sind eng: Ein Großteil des vergleichsweise teerigen venezolanischen Öls wird in die USA exportiert, wo es in speziellen Raffinerien verarbeitet wird. Von dort geht es auf den Weltmarkt. Beide Länder haben kein Interesse daran, das zu beenden oder die Sanktionen auszubauen. Große Ölkonzerne wünschen sich eine unternehmerfreundlichere venezolanische Regierung als die Maduros, Chevron investierte zuletzt in Venezuela.

Zugleich sichern sich Russland und China Zugang zum venezolanischen Öl. Sie vergaben in den vergangenen Jahren Kredite in Milliardenhöhe, meist im Gegenzug für künftige Erdöllieferungen.

365.000 Soldaten gibt es im venezolanischen Militär

Laut dem Latin American Defense Network verfügt das venezolanische Militär über 365.000 Soldatinnen und Soldaten – und damit über so viele Streitkräfte wie die Regionalmacht Brasilien, wo fast siebenmal mehr Menschen leben. US-Präsident Donald Trump hat eine Militärintervention in Venezuela nicht explizit ausgeschlossen, unter anderem Russland warnte vor solch einem Vorhaben.

Trotz der knappen Kassen investierte Venezuela in das Militär. Ein Grund dafür ist die politische Macht der Generäle: Insgesamt 2.000 soll es inzwischen geben, berichten lateinamerikanische und US-Medien. Zum Vergleich: In den USA ist die Zahl der hohen Militärs auf etwa 660 begrenzt.  

Viele der venezolanischen Generäle sollen von Maduro persönlich ernannt worden sein. Bisher hat eine einstellige Zahl ihre Unterstützung für Maduros Widersacher erklärt. Neun von 32 Ministerposten haben weiter Uniformierte inne.   

In den vergangenen Jahren übernahmen aktive und ehemalige Militärs Schlüsselindustrien. Die Streitkräfte sollen am Schmuggel und am Drogenhandel kräftig mitverdienen. All das ist keine Garantie, dass sie zu Maduro halten, bisher wandten sich aber nur wenige offiziell ab. In letzter Zeit häuften sich Berichte über Umsturzversuche. Fraglich, ob das Militär die Macht im Fall einer Übernahme wieder an einen zivilen Akteur wie Juan Guaidó weitergeben würde.