Vordergründig geht es im Konflikt um die Hilfslieferungen nach Venezuela um Nahrung und Medizin. Darum, die Versorgungskrise in einem Land zu lindern, in dem Lebensmittel und Arzneien seit Jahren knapp sind, das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist und in dem angesichts einer jährlichen Inflationsrate von mehr als einer Million Prozent viele Menschen hungern, weil das Geld für ausreichend Essen nicht reicht.

In Wahrheit aber geht es um viel mehr. Im Machtkampf zwischen dem Präsidenten Nicolás Maduro (dem seine Gegner vorwerfen, er sei nur durch Wahlbetrug im Amt geblieben) und dem Parlamentspräsidenten Juan Guaidó (der sich im Januar selbst zum Präsidenten erklärte und seinen Anspruch auf das Amt aus der Verfassung heraus begründet), verfolgt jede Seite ihre eigenen Interessen: die Opposition, die USA, ebenso Maduro. So wird die Nothilfe für die verarmte Bevölkerung zum politischen Instrument. Was sind die Ziele der Konfliktparteien? Ein Überblick

Was will die Opposition mit den Hilfslieferungen erreichen?

Die Venezolanerinnen und Venezolaner könnten Hilfe gut gebrauchen – doch die 600 Tonnen Nahrungsmittel und Medikamente, welche die Opposition am Samstag ins Land bringen wollte, würden kaum ausreichen, um den extremen Mangel zu lindern.

Dennoch sind die Lastwagen an der Grenze ein mächtiges Symbol: Wären sie tatsächlich ins Land gelangt, dann hätte Oppositionsführer Guaidó als derjenige gegolten, der die Menschen mit Nahrung und Arzneimitteln versorgen kann – im Gegensatz zu seinem Kontrahenten Maduro. Der hatte vorab angekündigt, die Transporte nicht durchzulassen. Die Opposition wollte durch die Hilfstransporte den Druck auf ihn erhöhen und durch die direkte Konfrontation an der Grenze das Militär dazu bewegen, die Seiten zu wechseln.

Nach den harten Auseinandersetzungen an der Grenze vom Samstag ist klar: Guaidó hat seine Ziele nicht erreicht. Zwar folgten zahlreiche Anhänger seinem Aufruf und kamen an den Schlagbaum, um die Hilfsgüter nach Venezuela hineinzubringen. Auch er selbst schlüpfte durch die Kontrollen und schaffte es auf die kolumbianische Seite. Wie er sagte, unterstützten ihn dabei venezolanische Soldaten. Etwa 60 Mitglieder der Sicherheitskräfte seien zu ihm übergelaufen, meldete die Nachrichtenagentur Bloomberg.

Aber die anderen hinderten die Transporte mit Gewalt daran, die Grenze zu überqueren – sowohl von Kolumbien wie auch von Brasilien aus. Am Ende brannten zwei Lastwagen. Dutzende Menschen wurden verletzt; Medien berichten von mindestens drei Toten. Das Militär blieb Maduro treu.

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Was wollen die USA?

Die Hilfsgüter waren vor allem von den USA geschickt worden, deren Regierung unter Präsident Donald Trump mittlerweile sehr offen erklärt, sie wolle Nicolás Maduro stürzen. Im Januar verstärkten die USA ihre wirtschaftlichen Sanktionen gegen Venezuela. Trump schließt auch eine militärische Intervention nicht aus.

Streng genommen widerspricht das der "America first"-Politik des Präsidenten, die besagt, dass die USA sich vor allem um ihre eigenen Probleme kümmern müssen, statt sich in die Angelegenheiten anderer einzumischen. Doch Venezuela, das Land mit den größten Ölreserven der Welt, ist für die USA ein wichtiger Lieferant. Offenbar spielt auch schon der kommende Präsidentschaftswahlkampf eine Rolle: In Florida, einem wichtigen Swing-State, leben besonders viele Exilvenezolanerinnen und -venezolaner. Ihre Stimmen könnten darüber entscheiden, an welchen Kandidaten der Staat fällt.

Nachdem die Hilfstransporte an der Grenze aufgehalten worden waren, verschickte Außenminister Mike Pompeo eine Mitteilung, in der es hieß: "Die Vereinigten Staaten werden gegen jene vorgehen, die gegen eine friedliche Wiederherstellung der Demokratie in Venezuela sind, und sie zur Verantwortung ziehen." Pompeo erneuerte den Appell an die venezolanischen Sicherheitskräfte, sich der Opposition anzuschließen.

Eine Luftaufnahme zeigt die Brücke an der venezolanisch-kolumbianischen Grenze, auf der am Samstag Lastwagen brannten. © Edinson Estupinan/​AFP/​Getty Images

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Und Nicolás Maduro?

Venezuelas Präsident beschwört die Gefahr einer US-Invasion schon länger herauf. Er sagt, auch die Hilfstransporte dienten zu ihrer Vorbereitung. Internationalem Recht zufolge müsste er Nothilfe ins Land lassen, wenn das Überleben der Bevölkerung bedroht ist – aber die Hilfe muss unparteiisch sein. Das ist hier nicht der Fall. Die Vereinten Nationen warnten deshalb davor, die Lieferungen zu politisieren, und das Rote Kreuz weigerte sich, bei ihrer Verteilung mitzuhelfen. Auch andere Organisationen, die teilweise schon lang in Venezuela arbeiten, gehen auf Distanz. Manche fürchten, die Regierung könne sie nun auch als Gegner betrachten und ihre Arbeit behindern.

Doch die Not der venezolanischen Bevölkerung ist real. Die Wirtschaft des Landes ist ruiniert. Dass Maduro die Lieferungen am Samstag gewaltsam aufhalten ließ, zeigt: Er ist keinesfalls gewillt, die Macht abzugeben. Schon in der Vergangenheit hat er mehrfach bewiesen, dass Druck ihn nur noch sturer werden lässt.

Zum Beispiel nach dem 29. März 2017, als das oberste Gericht Venezuelas – das Nicolás Maduro stützt – die Kontrolle über das Parlament übernahm, in dem die Opposition die Mehrheit hat. Das löste Proteste aus, die von Einsatzkräften gewaltsam unterdrückt wurden. Laut Amnesty International wurden damals 120 Menschen getötet, 1.958 verletzt und mehr als 5.000 verhaftet.

In ihrem Report Nights of Terror hat die Organisation dokumentiert, wie bewaffnete Einsatzkräfte und von der Regierung bezahlte zivile Schlägertrupps damals gewaltsam in die Häuser vermeintlicher Oppositioneller eindrangen, um Angst zu verbreiten. Die Menschen sollten sich nicht mehr trauen, auf die Straße zu gehen. Amnesty spricht von einer "systematischen Repressionspolitik während der ganzen Krise, aber jüngere Muster deuten darauf hin, dass es schlimmer wird". Auch nach den ersten Auftritten von Juan Guaidó als selbst erklärtem Präsidenten im Januar 2019 starben wieder Menschen, Medien berichten von Hinrichtungen und Folter.

Manchmal aber scheint die Kontrolle auch ohne direkte Gewalt zu funktionieren. Viele Familien haben in Venezuela nur dank staatlicher Nahrungsmittelpakete genug zu essen. Doch wer die Regierung kritisiert, erhält Medienberichten zufolge keine Hilfe.

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Wie geht es jetzt weiter?

Während am Samstag an der Grenze Lastwagen brannten und Menschen starben, tanzte Maduro auf einer Kundgebung in Caracas demonstrativ mit seiner Frau. Er sei "stärker als je zuvor", sagte er. Er regiere Venezuela, "jetzt und noch auf viele Jahre hinaus".

Nach einer friedlichen Lösung klingt das nicht. Maduro ist immer noch stark, er hat die Unterstützung des Militärs und auch von Russland, Kuba und China.

Doch sein Gegner Guaidó hat schon viel erreicht, seit er sich vor ein paar Wochen zum Präsidenten erklärte: Viele Menschen in Venezuela unterstützen ihn, und 50 Länder erkennen seinen Amtsanspruch an. Am Montag will er sich in Bogotá mit US-Vize Mike Pence treffen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Guaidó sagt, er werde wieder zurück nach Venezuela reisen. Ob und wie ihm das gelingen kann, ist aber völlig offen.

Maduro hat die venezolanischen Grenzen abgeriegelt – so wird sich die Versorgungslage der Bevölkerung eher noch verschlechtern. Viel hängt in den kommenden Tagen wohl davon ab, wie sich die USA verhalten.

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