Im Golfemirat Katar treten die Gespräche auf der Stelle: Es geht darum, den fast 18 Jahre andauernden und sich dabei weiter verschärfenden Krieg zwischen den USA und den afghanischen Taliban zu beenden. Doch der Teufel liegt im Detail, und in der Reihenfolge dessen, was eigentlich gemeinsames Hauptziel beider Seiten ist: ein Abzug der ausländischen Truppen. Abzug zuerst, Einbeziehung der bisher ausgeschlossenen Kabuler Regierung und Garantie von Verfassungsrechten später? Oder alles im Paket? 

US-Präsident Donald Trump jedenfalls will den Einsatz für in seinen Augen undankbare Leute so bald wie möglich beenden. Schon im Wahlkampf twitterte er: "Wir vergeuden dort Milliarden. Wir bauen Straßen und Schulen für Leute, die uns hassen." Die Taliban wollen den Abzug, um ohne internationale Aufmerksamkeit – die mit einem Truppenabzug weiter sinken würde – ihre immer noch rückwärtsgewandten Gesellschaftsvorstellungen umsetzen zu können. 

Thomas Ruttig ist Co-Direktor des Afghanistan Analysts Network (Kabul/Berlin). © privat

Was das genau für Afghaninnen und Afghanen bedeuten würde, ist eine unter Beobachtern derzeit heftig diskutierte Frage. In der Tat haben die Taliban, seit sie 2001 von der Macht vertrieben wurden, ihre Positionen gemäßigt, von der Mädchenbildung bis zur Zulassung ausländischer Hilfsorganisationen. Nach Gesprächen mit Vertretern afghanischer Fraktionen (aber nicht der afghanischen Regierung) in Moskau im Februar stimmten sie einer gemeinsamen Erklärung zu, dass sie in einem künftigen Afghanistan explizit auch die "sozialen, ökonomischen, politischen und Bildungsrechte der afghanischen Frauen" schützen wollten. Sie erklärten, Frauen dürften ihre Ehepartner selbst bestimmen und auch hohe politische Ämter bekleiden, außer die des Präsidenten und des Obersten Richters. Immer aber setzen sie hinzu, dies müsse "in Übereinstimmung mit islamischen Prinzipien" geschehen.

Untersuchungen meiner und anderer Organisationen ergaben, dass die Taliban in vielen Bereichen über kohärente Politikrichtlinien verfügen und diese auch umsetzen können. Als sie über islamische Feiertage im vorigen Juni eine dreitägige Waffenruhe einhielten, ohne dass sie einmal verletzt wurde, wunderten sich viele. Sie hatten vorher nicht glauben wollen, dass die Taliban so diszipliniert seien können. 

Es geht weniger um Theologie als um Macht

Die Betonung liegt auf "können". Während die Taliban etwa in einem von ihnen eroberten Distrikt in der Nordostprovinz Kundus gestatten, dass die Schülerinnen in Ruhe ihre Abschlussprüfungen nach Klasse zwölf beenden, ist landesweit Mädchenbildung nur bis Klasse sechs Taliban-Standard. In einem von Taliban beherrschten Distrikt der Provinz Wardak sind Mädchenschulen sogar ganz geschlossen.

Auch die anderen Teilnehmer der Moskau-Gespräche, darunter Ex-Präsident Hamid Karsai, unterschrieben den Islam-Vorbehalt für die Freiheitsrechte der Afghanen. Dieser Vorbehalt steht sowieso bereits in der gegenwärtigen Verfassung, die von den Taliban aber abgelehnt wird. Es geht hier also weniger um Theologie, sondern darum, wie die Macht in einem Postabzugsafghanistan verteilt sein wird und was andere politische Kräfte in einer Koalitionsregierung mit den Taliban zulassen werden.

Hier liegt ein anderes Problem: Viele der potenziellen Bündnispartner sind zwar Teil des gegenwärtigen Systems, aber größtenteils ebenfalls religiöse Konservative oder Islamisten. Als einige von ihnen in den Neunzigerjahren an der Macht waren, schränkten sie – Jahre vor den Taliban – die Freiheiten nicht nur von Frauen ein. Ihre gegenwärtige Parlamentsmehrheit verhinderte zahlreiche Gesetze zum Schutz der Medien oder von Frauen vor Gewalt. Im Moment sorgt internationale Präsenz, auch von Truppen, dafür, dass Schlimmeres verhindert wird. Aber afghanische Freiheitsrechte stehen nicht sehr weit oben auf der US-Agenda für die Taliban-Gespräche; dieses Thema sei, so hieß es wiederholt, eine "innerafghanische Angelegenheit".

Die Ausgangsfrage hat zudem eine weit weniger diskutierte Kehrseite, die der weitgehenden Behandlung der Afghanistan-Frage in einem Gut/Böse-Schema – Taliban böse, Regierung gut – geschuldet ist: Was bedeutet es für die Menschen Afghanistans, wenn die derzeitige Regierung so weiter macht wie bisher? In anderen Worten: Wie weit ist sie wirklich eine Alternative zu den Taliban?