Seit 19 Jahren repräsentiert Sir Mark Phillip Hendrick die britischen Wähler im Unterhaus, dem Parlament Großbritanniens. Davor arbeitete er eine Wahlperiode lang im Europäischen Parlament. Wir treffen den Labour-Abgeordneten in seinem Büro im Westminster Palace direkt neben dem Parlamentssaal, in dem Theresa May die Mehrheit für ihren Brexit-Plan verloren hat. Obwohl sich Hendricks Heimatland wegen des Brexits in der wohl größten politischen Krise seit Ende des Zweiten Weltkrieges befindet, redet er ruhig und gelassen.

ZEIT ONLINE: Sir Hendrick, in den fast 20 Jahren, die Sie hier arbeiten, haben Sie viel erlebt. Gab es jemals ein ähnliches Desaster?

Mark Phillip Hendrick: Nein. Wenn ich ein Autor von Science-Fiction-Romanen wäre, würde mir nichts Unglaublicheres einfallen. Was hier geschieht, ist fürchterlich. Großbritannien schrumpft zusammen und isoliert sich, während sich die Welt da draußen globalisiert.

ZEIT ONLINE: Wie schaffen Sie es, in diesen Brexit-Chaostagen dennoch mit einem Lächeln aufzustehen?

Mark Phillip Hendrick in seinem Abgeordnetenbüro im House of Commons © Steffen Dobbert für ZEIT ONLINE

Hendrick: Ich kann über all das nicht mehr lachen. Wenn am Abend zuvor die Premierministerin zum zweiten Mal derart besiegt wurde, fällt es auch schwer, nach dem Aufwachen zu lächeln.

ZEIT ONLINE: Sie haben mitgeholfen, May zu besiegen.

Hendrick: Seit mehr als zwei Jahren hat Theresa May mit den Staats- und Regierungschefs der EU diskutiert, wie wir aus der Union ausscheiden sollen. Aber die ersten 18 Monate hat sie diese Verhandlungen nur privat geführt. Dann erst präsentierte sie uns ihren Plan. Eineinhalb Jahre wussten die Öffentlichkeit und wir Abgeordnete nichts! Als der Plan dann auf dem Tisch lag, haben Minister aus Protest das Kabinett verlassen und viele Abgeordnete waren wütend. Dennoch hat May weiterhin versucht, das Parlament außen vor zu lassen. Erst eine Gerichtsentscheidung half uns, in die Debatte einzugreifen. Und auch gestern hatten wir keine wirkliche Wahl. Mays Deal oder kein Deal – das waren unsere Optionen. Das ist doch inakzeptabel.

ZEIT ONLINE: Sie haben May scheitern lassen, obwohl ihr Land in einer politischen Krise steckt und die Unsicherheit jetzt – etwa zwei Wochen vor dem Austrittsdatum – noch größer ist. Haben Sie keine Angst, dass Sie mit dem Schicksal von Millionen Menschen spielen?

Hendrick: Das gesamte Parlament hat sich bereits in Abstimmungen geäußert: Wir wollen einen Deal. Es gibt eine Mehrheit in unserem Haus gegen einen Austritt aus der EU ohne ebensolchen. Es gibt auch eine Mehrheit, die gegen ein zweites Referendum ist.

ZEIT ONLINE: Das heißt?

Hendrick: Das House of Commons möchte eine Lösung, die zwischen diesen beiden Extremen liegt.

ZEIT ONLINE: Das war der von May ausgehandelte Deal.

Hendrick: Aber dieser Deal war einem Austritt ohne jedes Abkommen zu nahe. Wir brauchen weiterhin eine gewisse Verbindung zur EU. Den Zugang zum Binnenmarkt der EU brauchen wir für Waren und Dienstleistungen. Ich sage es ganz offen: Mays Deal ist ein schlechter Deal.

ZEIT ONLINE: Ein Kollege bezeichnete dieses Theater als kollektiven Nervenzusammenbruch. Haben Sie keine Angst um die Zukunft Ihres Landes?

"Normalerweise müsste May zurücktreten"

Hendrick: Ich bin besorgt und stimme der Einschätzung zu. Seit Monaten sehen wir, wie große Investoren – Autohersteller aus Japan, Industrieunternehmen aus Deutschland – wegen dieses Theaters unser Land verlassen. Billionen Pfund haben wir bereits verloren durch diesen Brexit. Dyson, ein gigantischer Staubsaugerhersteller, hat seine Unternehmenszentrale von London nach Singapur verlegt. Andere Firmen ziehen nach Kontinentaleuropa. Wir wissen, was da passiert. Es ist ein Desaster. Die einzigen Wege da raus sind entweder ein Deal, der etwas wert ist, oder ein Verbleib in der EU. Aber keine dieser Optionen existiert heute.

ZEIT ONLINE: Was also passiert jetzt?

Hendrick: Es ist klar, dass wir die EU um eine Verlängerung der Frist bis zum Austritt aus der Union bitten müssen. Wir brauchen mehr Zeit für richtige Debatten über Alternativen. Ich persönlich würde eine Art Norwegen-Modell unterstützen. Wenn May so einen Deal vom Parlament bestätigt bekommt, kann sie damit nach Brüssel fahren. Die EU würde so etwas wohl rasch akzeptieren, da es für andere Länder auch funktioniert.

ZEIT ONLINE: Und die Menschen in Ihrem Land, die einen harten Brexit wollen, wären damit zufrieden?

Hendrick: Nur 52 Prozent haben für leave gestimmt. Man kann also nicht sagen, dass eine überwältigende Mehrheit überhaupt austreten wollte. Außerdem sind seitdem zwei Jahre vergangen, in dieser Zeit haben viele Leute ihre Meinung geändert.

ZEIT ONLINE: Wie wahrscheinlich sind vorgezogene Neuwahlen?

Hendrick: Ich habe heute Kollegen aus dem Parlament bereits darüber spekulieren gehört. Aber wir erleben hier gerade Außergewöhnliches. Unsere Premierministerin wurde zweimal im Parlament mit so vielen Stimmen besiegt, wie es seit Jahrzehnten nicht geschah. Normalerweise müsste May zurücktreten. Aber sie macht das nicht, da sie ein besonderes Pflichtbewusstsein hat. Um ihre Macht wiederherzustellen, müsste sie Neuwahlen ausrufen.

ZEIT ONLINE: Das heißt?

Hendrick: Nichts ist klar. Entweder wird May doch noch von ihrer eigenen Partei gestürzt oder mittelfristig ruft sie Neuwahlen aus. So geht es jedenfalls nicht weiter.