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Im Brexit sieht der britisch-ugandische Schriftsteller Musa Okwonga den Moment, in dem Großbritannien sich selbst erblickt und nicht weiterweiß. Was nun? Vier Vorschläge für die Zukunft – mit oder ohne Brexit.

Mit dem Brexit ist etwas zu Bruch gegangen, überall liegen Scherben. Die Premierministerin will immer noch mit einer EU verhandeln, die weitere Verhandlungen ablehnt; die zwei größten Parteien des Landes verlieren Abgeordnete an eine neue liberale Protestpartei; und der Brexit könnte verschoben werden, um einen harten EU-Austritt zu vermeiden. Und die Menschen? Sie fühlen sich einer Studie zufolge "gemeiner und wütender" als vor dem Referendum.

Kaum eine Abstimmung dürften die Menschen in Großbritannien persönlicher genommen haben. Einer anderen Studie der London School of Economics zufolge war der ausschlaggebende Faktor dafür, mit leave zu stimmen, die ablehnende Haltung gegenüber Einwanderung von außerhalb der EU. Als Kind ugandischer Flüchtlinge fällt es mir schwer, den Brexit nicht – oder zumindest teilweise – als Höhepunkt einer Fremdenfeindlichkeit zu sehen, die in der britischen Gesellschaft schon so lange köchelt, wie ich mich erinnern kann. 

Aber vielleicht hat der Brexit gar nichts zerbrochen, sondern lediglich etwas beleuchtet, was bereits zerbrochen war. Das Referendum war eine so perfekte Zusammenfassung britischer Makel, dass es fast künstlerisch anmutet. Der Wahlkampf dafür, in der EU zu bleiben, wurde von Politikern geführt, die sich des wirtschaftlichen Schadens augenscheinlich nicht bewusst waren. Der Wahlkampf dafür, die EU zu verlassen, setzte sich zusammen aus einer Mischung von unzufriedenen und opportunistischen Stimmen; Letztere schürten unerbittlich die Angst vor Ausländern, unterstützt von Geldgebern mit zweifelhaften Verbindungen und kriminellen Methoden. 700.000 britischen Staatsbürgerinnen und -bürgern wurde die Stimmabgabe verwehrt, weil sie im Ausland lebten.

300 Invasionsromane in zehn Jahren

Angesichts dieses giftigen Cocktails bin ich zum Teil überrascht, dass sich Großbritannien überhaupt so lange in der EU gehalten hat. Einige Bürgerinnen und Bürger wollten das Land schon immer auf eine Armlänge Abstand zum Kontinent haben. Es ist ein merkwürdiger und einzigartiger Widerspruch: eine stolze globale Macht und eine vorsichtige kleine Insel; eine Gesellschaft, die an der Oberfläche lebhaft und multikulturell erscheint, im Grunde aber Angst hat, von außen überrannt zu werden. Das hat Tradition: Der Journalist Ian Cobain stellte in seinem Buch The History Thieves fest, dass allein im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in Großbritannien etwa 300 Invasionsromane veröffentlicht wurden.

Der Brexit war wahrlich ein Moment, in dem Großbritannien als Nation in den Spiegel blickte und die Spaltung und Disharmonie bemerkten, die schon lange offensichtlich waren. 

Man könnte sagen, für mich sei einfach, die EU zu mögen: für einen Schriftsteller und Musiker, der auf dem Kontinent Fuß gefasst hat. Für meine Freunde, die für leave gestimmt haben, war es schwerer. Man kann sie in drei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe behauptet, die EU sei ihren Bürgerinnen und Bürgern keine direkte Rechenschaft schuldig. Die zweite Gruppe wohnt in Kleinstädten und argumentiert, ihre Löhne würden durch billige Arbeitskräfte untergraben. Und für die dritte Gruppe sind schnell so viele neue und fremde Gesichter hinzugekommen, dass sie sich als Fremde im eigenen Land fühlen. Wo ich Konsens sah, sah die erste Gruppe Unterwerfung; wo ich mangelnden Schutz von Arbeitern sah, sah die zweite Gruppe die Verwüstungen der Globalisierung. Und wo ich fröhliche Vielfalt sah, sah die dritte Gruppe einen unversöhnlichen Zusammenprall von Kulturen.