Das Volk will seine Stimme zurück

Der Zeitpunkt ist günstig gewählt: Mitten in den dramatischsten Wochen, die die britische Politik seit langer Zeit erlebt, setzen die EU-Anhänger ein Zeichen  und rufen zum Abbruch des Brexit auf. "Put it to the People", lautet das Schlagwort der Demonstration, die sich am Samstagnachmittag östlich des Hyde Park versammelt: Lasst die Bevölkerung abstimmen.

Einen monumentalen Protest hatten die Organisatoren in Aussicht gestellt – und die Brexit-Gegner enttäuschten nicht. Eine geschätzte Million Menschen wälzt sich durch die Londoner Innenstadt, viele mit Europa-Flaggen, selbstgebastelten Plakaten, oder Unterhosen ("Pants to Brexit": Scheiß auf Brexit). Tausende sind mit Bussen aus dem ganzen Land gekommen, manche über Nacht aus Schottland und Wales, und sogar vom europäischen Festland – es ist eine der größten Demonstrationen der britischen Geschichte.

Die Londonerin Rachel Stokes, 44, ist mit ihrer Mutter zur Demo gekommen. "Der Brexit ist desaströs für die britische Wirtschaft, besonders für jene Briten, die jetzt schon kaum über die Runden kommen", sagt sie.  Die Leave-Kampagne habe nur dank Schummelei und Lügen gewonnen, und darum sei es nur gerecht, das Volk noch einmal abstimmen zu lassen: "In einer Demokratie darf man seine Meinung ändern. Die Politiker haben schon mehrere Male über Theresa Mays Deal abgestimmt. Wieso sollen wir kein zweites Referendum haben dürfen?"

Aufwind für die Gegner

Laute Musik dröhnt durch die Gassen, als sich der Protestzug in Bewegung setzt, enthusiastisch tanzen die Demonstrierenden zu "The Final Countdown". Viele junge Leute sind da, Studenten und Familien mit kleinen Kindern. Die Stimmung ist aufgekratzt, denn so viel Aufwind wie jetzt hatten die EU-Befürworter noch nie seit der verlorenen Abstimmung von 2016. Eine Online-Petition, die den sofortigen Stopp des Brexit-Prozesses und den Verbleib in der EU fordert, hat es bislang auf 4.4 Millionen Unterschriften gebracht.  

Nach den Gründen für diese neuerliche Europa-Euphorie muss man nicht lange suchen: Premierministerin Theresa Mays Verhandlungen mit der EU sind gescheitert, die Kontrolle über den Brexit-Prozess ist ihr entglitten, und die Gefahr eines No-Deal-Brexit, dessen wirtschaftlichen Verheerungen von kaum einem Ökonomen bezweifelt werden, versetzt viele Briten in Panik. Sukzessive sind in den vergangenen Monaten die Zweifel am Brexit-Entscheid gewachsen.

"Dies ist der Moment, in dem unsere Chancen am besten stehen."

Eine Studie des Forschungsinstituts YouGov und des Forum on Geopolitics der Universität Cambridge kommt zum Schluss, dass sich selbst bei den Brexit-Befürwortern Ernüchterung breitmacht. Glaubten im Mai 2017 noch 57 Prozent der Leave-Wähler, der Brexit sei gut für den britischen Arbeitsmarkt, ist der Anteil nun auf 42 Prozent gefallen. Ein ähnlicher Pessimismus hat sich in Bezug auf die Wirtschaft im Allgemeinen eingestellt: Vor zwei Jahren gingen 57 Prozent der EU-Gegner davon aus, dass Großbritannien nach dem Brexit besser dastehen würde, heute sind es nur noch 48 Prozent.

Solche Bedenken werden verstärkt durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in denen Großbritannien bereits heute steckt. Seit dem Brexit-Entscheid ist das britische Bruttoinlandsprodukt (BIP) geschrumpft, die Produktivität stagniert, die Kaufkraft der Briten hat abgenommen, und der Exportboom, den sich manche vom schwachen Pfund versprochen haben, ist ausgeblieben. Stattdessen hat der Sinkflug von Sterling vielen Unternehmen höhere Importkosten verursacht.

Die chaotischen Szenen während der Brexit-Debatten im Parlament hat vielen Wählern endgültig die Zuversicht geraubt, dass die Regierung die Sache im Griff hat. Der Stopp des Brexit scheint vielen als beste Lösung. Ein Blick auf den Protestzug zeigt, wie breit der Widerstand gegen den EU-Austritt ist: Neben Politikern aus allen großen Parteien sind auch unzählige Anhänger von Labour-Chef Jeremy Corbyn vor Ort, außerdem Grüne und Gewerkschafter

Die Demonstranten glauben kaum, dass sie die Regierung beeinflussen können

Dass sie den Kurs der Regierung beeinflussen können, glauben die Protestierenden an diesem Samstag allerdings kaum. Ihre Hoffnung gilt den EU-freundlichen Parlamentariern. "Wir können den Oppositionspolitikern Rückendeckung geben", sagt Julia Walsh, 61. "Sie sehen, dass sie auf unsere Unterstützung zählen können. Besonders jetzt, wo es richtig losgeht, wird dies entscheidend sein."

Stundenlang dauert die Demonstration. Sie führt vorbei am Trafalgar Square, die Straße hinunter zum Parliament Square, wo die People’s-Vote-Kundgebung stattfindet. "Dies ist der Moment, in dem unsere Chancen am besten stehen", ruft Nicola Sturgeon, Vorsitzende der Scottish National Party (SNP), der Menge zu. Das Parlament soll Theresa May die Kontrolle über den Brexit-Prozess entreißen und die gewährte Fristverlängerung bis 12. April nutzen, um einen längeren Aufschub zu fordern, damit ein zweites Referendum stattfinden kann. "Die Entscheidung soll jetzt erneut dem Volk überlassen werden."