Genau zwei Jahre nach dem Brexit-Referendum kamen im Juni 2018 rund 100.000 Leute in London zur ersten People's-Vote-Demonstration zusammen. Im vergangenen Herbst waren es bereits mehr als 500.000 Briten, die auf der zweiten People's-Vote-Demo von Park Lane bis zum Parliament Square liefen. Am kommenden Samstag soll es nun die dritte Demonstration geben – erwartet werden zwischen 500.000 und 1.000.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Sie alle verlangen eine zweite Volksabstimmung über den Brexit.

Einige Ereignisse der letzten Wochen sprechen dafür. Weder Theresa May als Regierungschefin noch das britische Parlament in der aktuellen Zusammensetzung scheinen in der Lage, einen geordneten Brexit mit der EU zu erreichen. So könnte es das britische Volk sein, das noch einmal über den ausgehandelten Brexit-Deal abstimmen muss, in Neuwahlen oder in einem zweiten Referendum.

Thomas Cole, ein Brite, der in Luxemburg aufwuchs, engagiert sich als Leiter der Politikabteilung von People's Vote täglich für eine erneute Volksabstimmung. Er hat internationale Politik und Geschichte in Edinburgh, München und London studiert und von April 2012 bis April 2016 für die Europäische Kommission gearbeitet. Auf dem Weg in die Büroräume der Kampagne durch den Millbank Tower unweit des britischen Parlaments meint Cole mit einem Lächeln, er sei ein Kind des Systems. Mit seiner Verbundenheit zur EU gehe er transparent und offen um.

ZEIT ONLINE: Herr Cole, Sie haben sich auch schon vor dem ersten Referendum für einen Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU engagiert, vergebens.

Thomas Cole: Stimmt. Mag auch sein, dass wir jetzt wieder total falsch liegen und erneut verlieren werden. Aber wir geben nicht auf. Unsere Chancen, einen People's Vote durchzusetzen, sind heute viel besser als noch vor einem Jahr. Es gibt inzwischen keine Mehrheit mehr im britischen Parlament für irgendeine Art von Brexit. Die Abgeordneten haben einen No-Deal-Brexit und den von Theresa May ausgehandelten Brexit-Plan abgelehnt.

Thomas Cole im Millbank Tower in London © Steffen Dobbert

ZEIT ONLINE: Wie kam es eigentlich, dass Sie für die Kampagne People's Vote arbeiten?

Cole: Ich war bis April 2016 in der Europäischen Kommission beschäftigt. Als mein Vertrag dort auslief, bat ich darum, ihn nicht mehr zu verlängern. Ich wollte zurück nach London.

ZEIT ONLINE: Sie haben Ihren Job gekündigt, um den Brexit zu verhindern?

Cole: Das war ein großer Schritt. Ich hatte ja ein Gehalt bei der Kommission und einen ganz interessanten Job. Aber für mich ging es um mehr. Ich wollte nicht am Tag nach dem Brexit-Referendum aufwachen und feststellen, dass ich gar nichts gegen einen Brexit gemacht habe. Das war eine Entscheidung, die ich mir lange überlegt hatte.

ZEIT ONLINE: Wie lange?

Cole: Schon nach den Parlamentswahlen 2015, als die Konservativen die absolute Mehrheit bekommen hatten, begann ich mir Gedanken zu machen. Da hatte David Cameron im Wahlkampf versprochen, dass er im Falle eines Wahlsieges über die EU-Mitgliedschaft abstimmen lassen will. Mit diesem Trick hat er viele EU-Skeptiker für sich gewonnen. Dazu kam noch Ukip mit Nigel Farage: Seine extrem EU-feindliche Partei hatte damals mit ihrer Brexit-Kampagne zwischen 10 und 15 Prozent Wählerunterstützung. Als die Wahlergebnisse kamen, war das ein Schock für mich. Ich musste etwas tun. Letztlich war meine Entscheidung auch eine Frage der Identität.

Es gibt einen Punkt, für den ich mich immer einsetzen werde: dass Großbritannien Mitglied der EU bleibt. Weil ich mich als EU-Bürger fühle. Ich wollte mich also engagieren. Das ging aber nicht mit meinem Job in der EU-Kommission. Wer dort arbeitet, muss politisch neutral sein.

Brexit - EU gewährt Großbritannien Aufschub Der Europäische Rat hat sich auf eine Fristverlängerung für den Brexit geeinigt. Großbritannien soll die EU erst am 22. Mai verlassen – wenn das Parlament bis dahin einem Brexit-Deal zustimmt. © Foto: Stefan Rousseau/dpa

ZEIT ONLINE: Die Brexit-Debatte hat Sie politisiert?

Cole: Für mich gab es damals zwei Optionen: Entweder setze ich mich für das ein, woran ich glaube – irgendjemand muss eine Kampagne ja organisieren. Oder ich mache es nicht. Die zweite Option war keine Option, als ich mir überlegte, wie ich mich am Tag nach einem verlorenen Referendum fühlen würde.

ZEIT ONLINE: Also …

Cole: … wurde ich Freiwilliger bei einer Kampagnen-Organisation. Damals war ich elf Monate lang ohne Einkommen und habe bei meiner Freundin in einem Vorort Londons gelebt. Es war keine leichte Zeit. Auch jetzt verdiene ich weniger Geld als damals in meinem Job in Brüssel. Keiner in unserer Organisation macht das hier wegen des Geldes.

ZEIT ONLINE: Mit 51,9 Prozent haben die Wähler 2016 für einen Austritt Großbritanniens aus der EU gestimmt. War Ihr Engagement umsonst?