Als Theresa May im britischen Parlament realisiert, dass 75 Mitglieder ihrer eigenen Partei gegen sie gestimmt haben, ist sie sprachlos. Kurz danach steht die Premierministerin am Rednerpult im House of Commons, statt zu reden, krächzte sie nur noch. Tagelang hat May in Straßburg und London für ihren neuen Vorschlag verhandelt, vergebens. Das Abstimmungsergebnis am Dienstagabend hat fast zwei Jahre ihrer Arbeit vernichtet.

Mit brüchiger Stimme wiederholt sie, dass ihr mit der EU ausgehandelter Deal der bestmögliche sei. Doch viele Parlamentarier interessiert dieser Satz gar nicht mehr. Einige lachen. Es wirkt, als nähmen sie ihre Regierungschefin nicht mehr ernst.

Großbritannien - Britisches Parlament lehnt Brexit-Vertrag erneut ab Trotz Zugeständnissen der EU hat die britische Premierministerin Theresa May die Abstimmung verloren. 391 Abgeordnete stimmten gegen den EU-Austrittsvertrag, 242 dafür. © Foto: Jessica Taylor/dpa

Großbritannien galt über viele Jahrzehnte als Vorbild des Parlamentarismus. In den Hauptstädten der Welt schaute man nach London, wenn man wissen wollte, wie Demokratie eigentlich funktioniert. Die parlamentarische Demokratie, wie sie heutzutage in allen Staaten der Europäischen Union existiert, hat ihre Ursprünge in Großbritannien. Doch nun, kurz vor dem geplanten Ausstieg der Briten aus der EU, ist von dem Glanz der Vergangenheit nichts mehr übrig. Die unzähligen Debatten über den Brexit haben das Land gespalten, radikalisiert und in die politische Handlungsunfähigkeit geführt. Das gegenseitige Vertrauen innerhalb der Gesellschaft ist geschwunden. Gleichzeitig hat sich die Verdrossenheit der Bevölkerung über ihre Politiker potenziert.

Reaktionen auf das Brexit-Chaos

Da ist der Betreiber eines B&B-Hotels, der vor seinen Gästen nicht offen aussprechen mag, ob er für oder gegen den Brexit ist. Er befürchtet, einen Teil seiner Kundschaft zu verlieren. Da sind zwei Frauen, die sich beim Einkaufen zufällig anrempeln und sich danach gegenseitig mit "Leave"-Rufen beschimpfen. Da ist der Barkeeper in einem der ältesten Pubs im Regierungsviertel der Hauptstadt. Auf das B-Wort angesprochen, verdreht er misstrauisch die Augen. "Ich glaube ja eigentlich an die Demokratie", sagt er. Doch was in seinem Land seit dem Wahlkampf vor dem Brexit-Referendum im Juni 2016 geschehen sei, könne er nur als Sauerei bezeichnen. "Wir Briten sollten ein Loch buddeln und darin verschwinden", sagt er voller Sarkasmus. Je länger das Brexit-Problem ungelöst bleibt, desto stärker wächst in Großbritannien ein gefährliches Misstrauen. Durch das vom Brexit verursachte Chaos droht die britische Gesellschaft die Grundlage ihres Zusammenlebens zu verlieren.

So geht es weiter mit dem Brexit

Großbritannien steckt in einer Sackgasse. Im Unterhaus gibt es für keine Brexit-Variante eine Mehrheit.

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Nachdem sie zwei "bedeutungsvolle Abstimmungen", wie die Wahlen im Parlament bezeichnet wurden, verloren hat, vertraut auch Theresa May ihren Abgeordneten nicht mehr. Und viele Abgeordneten vertrauen ihr nicht mehr. Die Glaubwürdigkeit der Medien hat gelitten. Parteien verlieren Mitglieder. Die Bevölkerung traut den Politikern nicht. Und die Politiker trauen sich nicht, das Volk zum Thema Brexit erneut zu befragen.

Obwohl keine Zeit für Experimente mehr bleibt, ist derzeit völlig offen, ob es bald Neuwahlen, eine Absage des Brexits, einen neuen Deal oder doch noch ein zweites Referendum gibt. Großbritanniens Regierung steht nach zwei Jahren Brexit-Verhandlungen zielloser und zerstrittener da als jemals zuvor. Teil des Brexit-Chaos ist, dass Theresa May, die ursprünglich für einen Verbleib Großbritanniens in der EU war, nun den Brexit durchsetzen muss. Ihr gegenüber sitzt im Parlament der Anführer der Labour-Partei Jeremy Corbyn, der nicht viel von der EU hält, aber mittlerweile von seiner Partei gedrängt wird, einen harten Brexit zu vermeiden. Die wichtigsten Politiker handeln also beide gegen ihre Überzeugungen – auch das verstärkt das Misstrauen der Zuschauer.

"Kollektiver Nervenzusammenbruch"

"Was wir hier gerade erleben, ist ein kollektiver Nervenzusammenbruch", sagt ein Politiker, der seit mehr als 40 Jahren im House of Commons arbeitet. Mit seinem Namen möchte er nicht zitiert werden. Dafür fehlt ihm das Vertrauen in die Medien. Wenn man erlebt habe, gibt er zu bedenken, wie im Unterhaus über eine britische Beteiligung am Irakkrieg debattiert wurde oder wie gestritten wurde, bevor Großbritannien 1982 in den Falklandkrieg zog, dann frage man sich heutzutage, was mit der politischen Klasse seines Landes nicht in Ordnung sei. So gehemmt wie in diesen Tagen habe er eine Regierung noch nicht erlebt.

In der Soziologie gilt Vertrauen als die Grundlage aller sozialen Beziehungen. Es ist eine der entscheidenden Voraussetzungen für das friedliche Zusammenleben in einer Gesellschaft. Fehlt es daran, wachsen Verunsicherung, Angst und Wut. Viele Bürger haben das Gefühl, nichts mehr glauben zu können – nicht den Medien, nicht der Justiz oder dem gesamten staatlichen System.

Professor rät zu Misstrauen

Am Tag der jüngsten Abstimmung über Mays Deal traf sich eine Gruppe von Volksvertretern in einem der Säle im Palace of Westminster. Die Abgeordneten, etwa ein Dutzend von verschiedenen Parteien, saßen an einem Holztisch und wollten hören, was ein Professor namens Gwythian Prins ihnen zu sagen hatte. Prins stellte sich als Experte für Sicherheitsfragen vor.

Beruhigendes hatte er allerdings nicht mitzuteilen. Vielmehr glaubte der Professor, die britischen Abgeordneten vor ihren bisherigen Verbündeten warnen zu müssen. Großbritannien habe sich mittlerweile so weit von der EU entfernt, dass Vorsicht geboten sei. Den Deutschen und den Franzosen dürfe die Regierung in London nicht mehr trauen.

Die enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen diesen Staaten in den vergangenen Jahrzehnten scheint plötzlich wertlos geworden zu sein. Auch das ist eine Ausprägung des neuen Misstrauens, das die britische Gesellschaft erfasst hat.