John Coyne ist Fachmann für organisierte und grenzüberschreitende Kriminalität. Zugleich ist er Terrorismusexperte und arbeitet am Australian Strategic Policy Institute in Canberra, dem wichtigsten Thinktank des Landes.

ZEIT ONLINE: Herr Coyne, Brenton Tarrant, der Rechtsextremist, der am vergangenen Freitag in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch 50 Menschen erschossen hat, war nach eigenen Angaben kein Mitglied irgendeiner Organisation oder Gruppe. Stimmt das?

John Coyne: Ja, das scheint zu stimmen. Und das passt zu Entwicklungen innerhalb der rechtsextremen Szene weltweit. Traditionell betrachten Polizeibehörden und Nachrichtendienste Rechtsextremisten vor allem als Bestandteil der realen Welt, mit Organisationen und regelmäßigen Treffen. Aber weil rechtsextreme Ideologien nicht sonderlich stabil sind, gibt es eine Tendenz zur Zersplitterung: Es gibt Streit, Abspaltungen, immer mehr und immer kleinere Gruppierungen und entsprechend viele Mehrfachmitgliedschaften. Brenton Tarrants Vorgehen könnte man dagegen als ein Worst-Case-Szenario beschreiben. Soziale Medien – und ich benutze diesen Begriff in seinem weitesten Sinne – erlauben es überzeugten Ideologen, miteinander zu korrespondieren, einander anzustacheln und Ideen auszutauschen, ohne Organisationen zu gründen. Selbst die berüchtigten "einsamen Wölfe" sind am Ende oft in Wahrheit online eben doch vernetzt.

John Coyne arbeitet am Australian Strategic Policy Institute in Canberra, dem wichtigsten Thinktank des Landes. Er leitet dort das Border Security Program. © privat

ZEIT ONLINE: Gilt das auch für Tarrant?

Coyne: Tarrant scheint sich ein oder zwei Jahre lang in den dunklen Ecken des Netzes herumgetrieben zu haben, wo sich auch andere Menschen aufhalten, die ähnlich denken. Und als Teil der Planung seines Anschlages hat er auf eine sehr internetaffine Weise seine Botschaft verbreitet und in den Mainstream einzuspeisen versucht. Er kündigte seine Tat an und postete sein "Manifest" gezielt auf verschiedenen Kanälen. Dieses Lösen aus der analogen Welt gepaart mit dem Operieren in einer weltweiten Echokammer und einer individualisierten Kommunikationsstrategie zeigt, dass er ein kühl kalkulierender Mensch ist. Nun hat er auch noch seinen Verteidiger gefeuert und will sich vor Gericht selbst vertreten – ganz sicher auch, um seine Botschaften zu verbreiten. Das steht uns also erst noch bevor.

ZEIT ONLINE: Kann man Tarrant als Teil einer losen Bewegung bezeichnen, die eben eher global als lokal ausgerichtet ist?

Coyne: Ich denke, das ist eine angemessene Beschreibung. Es gibt eine weltweit wachsende Community, die früher keine kritische Masse erreichen konnte. Heute jedoch, dank des Internets, können Ideologen Gleichgesinnte finden und ansprechen und Verbindungen knüpfen.

ZEIT ONLINE:
Es gibt auch in Neuseeland und Australien eine rechtsextreme Szene. Kann man Tarrant ihr zurechnen?

Coyne: Ich glaube, eher nicht. Es sieht so aus, als sei der Anlass seiner Radikalisierung der Tod seines Vaters gewesen. Und die Person, die ihn am meisten beeinflusst hat, war offenbar der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik.

ZEIT ONLINE: Gibt es Rechtsextremisten in Neuseeland und Australien, die Tarrants Tat bejubeln?

Coyne: Auch da muss man wohl eher global schauen. Die meisten rechtsextremen Reaktionen auf den Anschlag gab es online, im Schutz der Anonymität, die das Netz bietet.

ZEIT ONLINE: Breivik und Tarrant haben klassisches rechtsextremes Gedankengut mit Neokreuzritterideen verbunden. Glauben Sie, dass das künftig häufiger passieren wird?

Coyne: Bestimmte Mythen üben in rechtsextremen Kreisen große Anziehung aus: Der Spartanerkult beispielsweise, aber eben auch Kreuzfahrer- und Tempelritterfantasien. Da gibt es natürlich keine historisch belastbare Verbindung. Das, was heute von den historischen Tempelrittern übrig ist, ist eine Wohltätigkeitsorganisation. Das ist für Rechte sicher nicht anknüpfungsfähig. Anders als die Idee, zum Kampf, zu den Waffen zu rufen oder gerufen zu werden, die sie damit verbinden. So gesehen ist die Faszination für Kreuzfahrer und Tempelritter eigentlich nicht sehr überraschend.

ZEIT ONLINE: Wenn man die rechtsextreme Szene in Australien betrachtet, gibt es eine Vermischung von klassisch-rechten Topoi mit christlichem Fundamentalismus.

Coyne: Das stimmt. Aber genau das ist auch ein Grund, warum diese Gruppen relativ erfolglos sind. Es gibt keine starke Ideologie, wie sie etwa der "Islamische Staat" (IS) hat. In Australien gibt es Rechtsextremisten, die vor allem etwas gegen Asiaten haben, dann solche, die zuvorderst gegen Muslime sind, wieder andere, die Abtreibungskliniken angreifen, und schließlich jene, die vor allem Nationalisten sind. Es gibt viele Anhänger, aber nicht sehr viele Engagierte.  

ZEIT ONLINE:
Was müsste ihrer Meinung nach geschehen, um den nächsten Brenton Tarrant zu verhindern?

Coyne: Ohne jeden Zweifel muss es in Neuseeland jetzt zuallererst um strengere Waffenkontrollen gehen. Insbesondere die Beschränkung des Zugangs zu Langwaffen, automatischen Waffen und Sprengstoff ist zentral. Aber es gibt noch etwas anderes, das geschehen sollte. Und zwar in unserer Schulen, im gesamten Bildungssystem.

ZEIT ONLINE: Was denn?

Coyne: Unsere Schüler und Studenten müssen lernen, die Glaubwürdigkeit der Informationen einzuschätzen, die sie konsumieren. Dazu gehört kritisches Denken. Aber auch Netzetikette ist in diesem Zusammenhang bedeutend. Die wenigsten Menschen würden ja zu einer Moschee gehen und eine Hassbotschaft an die Wand kritzeln. Aber viele Menschen scheinen kein Problem damit zu haben, genau so etwas zu twittern oder sonst wie online zu verbreiten. Und niemand würde seine Freunde einladen und sagen: Heute würde ich euch gern ein Video von den Anschlägen in Christchurch vorspielen! Aber online glauben viele Leute, es sei okay, solche Videos zu verbreiten. Manche sagen jetzt, wir müssen Algorithmen entwickeln, um Material wie dieses Video aus den sozialen Medien zu halten. Ich glaube, das reicht nicht – und führt höchstens dazu, dass es an anderer Stelle auftaucht. Stattdessen brauchen wir mehr Verantwortungsbewusstsein.