Der britische Oppositionschef Jeremy Corbyn hat die Abgeordneten im britischen Parlament aufgefordert, den Brexit-Vertrag erneut abzulehnen. Premierministerin Theresa May habe sich geweigert, eine gemeinsame Grundlage für eine Vereinbarung zu finden, die das Parlament unterstützen könne, schrieb der Labour-Vorsitzende auf Twitter. Die Vereinbarung mit der EU vom Montagabend enthalte keine der Änderungen, die May dem Parlament versprochen habe.

Die britische Premierministerin Theresa May hatte am Abend vor der Abstimmung im Unterhaus Zugeständnisse aus Brüssel erhalten. Wie Vizepremierminister David Lidington mitteilte, habe Großbritannien von der EU die Zusage erhalten, nicht auf unbestimmte Zeit an die sogenannte Backstop-Regelung gebunden zu sein. Die Regelung soll eine harte Grenze zwischen dem EU-Mitglied Irland und dem zum Vereinigten Königreich gehörenden Nordirland verhindern und galt als eigentlicher Knackpunkt der Verhandlungen.

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker zufolge habe man sich auf ein "rechtlich verbindliches Instrument" als Ergänzung zum Austrittsvertrag geeinigt. Die getroffene Vereinbarung umfasse Klarstellungen und "rechtliche Garantien" zum Brexit-Abkommen und zum umstrittenen Backstop. Ihm zufolge habe die irische Regierung diesen Vereinbarungen bereits zugestimmt.

Brexit - Großbritannien und EU einigen sich auf Regelung zum Backstop Im Streit um die irische Grenzfrage haben sich Großbritannien und die EU auf einen Kompromiss geeinigt. Bis Ende 2020 soll eine Alternative gefunden werden. © Foto: Jean-Francois Badias/AP/dpa

Bereits am Montagabend hatte Corbyn die Verhandlungen trotz der Einigung als gescheitert bezeichnet. Auch der Labour-Brexit-Experte Keir Starmer teilte mit, die Änderungen seien bedeutungslos.

Irlands Regierungschef lobt Zugeständnisse der EU

Die EU will nach den Worten von Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz mit ihren Zugeständnissen an Großbritannien einen ungeordneten Brexit vermeiden. Niemand könne ein No-Deal-Szenario wünschen, sagte Kurz im Deutschlandfunk. "Ich hoffe, dass dieser zugegebenermaßen kleine, aber vorhandene Schritt dazu beiträgt, dass May die Zustimmung im Unterhaus kriegt." Alles andere bringe die EU gefährlich nahe an einen Brexit ohne fertiges Austrittsszenario.

Dem irischen Ministerpräsidenten Leo Varadkar zufolge ändern die jüngsten Zusicherungen aus Brüssel nicht den ausgehandelten Brexit-Vertrag. Das gelte auch für die darin vorgesehenen Vorkehrungen zur Vermeidung einer harten Grenze zwischen dem EU-Mitglied Irland und der britischen Provinz Nordirland. Die Ergebnisse von Mays Treffen mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker seien positiv, sagte Varadkar. Er hoffe, dass das britische Unterhaus dem Austrittsabkommen nun bei der Abstimmung am Abend seine Unterstützung gebe.

Auch die Bundesregierung lobte die Zustimmung aus Großbritannien. Gleichzeitig appellierte Europa-Staatsminister Michael Roth an das britische Unterhaus, den Kompromiss nun mitzutragen. "Es muss jetzt auch mal Schluss sein mit den Spielchen", sagte der SPD-Politiker.

Nach Angaben von Vizepremierminister Lidington will die britische Regierung den Abgeordneten des Unterhauses nun zwei Dokumente zur Abstimmung vorlegen: eine rechtlich verbindliche Erklärung zum Austrittsabkommen und zum sogenannten Backstop für die irische Grenze sowie eine Erklärung zur Ergänzung der politischen Erklärung, in der Großbritannien und die EU ihre künftigen Beziehungen skizzieren.

Abgeordnete für Verschiebung der Abstimmung

May hatte die erste Abstimmung über den Brexit-Vertrag im Januar wegen der künftigen Regelungen zur Grenze in Irland verloren. Ob die jüngsten Zugeständnisse aus Brüssel für eine Zustimmung des Parlaments reichen, ist fraglich. Der frühere Brexit-Minister David Davis sagte, es komme nun stark auf die Empfehlung des Generalstaatsanwalts Geoffrey Cox an. Der von May ausgehandelte Deal sei womöglich akzeptabel, sofern Cox erkläre, dass die jüngsten Zugeständnisse aus Brüssel auch rechtlich verbindlich seien. Der oberste Rechtsberater der britischen Regierung wies auf Twitter Spekulationen zurück, er sei gegen seinen Willen gedrängt worden, die Ergänzungen zum Brexit-Vertrag zu befürworten.

Der konservative Brexit-Befürworter Jacob Rees-Mogg sprach sich für eine Verschiebung der Abstimmung aus. Es wäre besser, den Abgeordneten mehr Zeit zum Nachdenken zu geben, sagt er der britischen BBC. Er selbst wolle eine juristische Einschätzung abwarten, bevor er eine Entscheidung treffe, ob er sich hinter May stelle oder nicht. Auch der einflussreiche Parlamentarier Sammy Wilson von der nordirischen Partei DUP sagte, eine Verschiebung wäre eine Option, um die jüngsten Vereinbarungen vollständig zu prüfen.

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