"Wir sind am Arsch, Mama Rose", sagt Rahul Idrissi*, "wir können nicht mehr aufstehen." Rose Hansen schmiert Salbe auf seinen Hautausschlag und klopft ihm auf die Schulter. "Wasser trinken, rausgehen." Die 57-jährige Krankenschwester kickt eine leere Dose weg. "Nicht die beste Ecke hier", sagt sie.   

Seit drei Jahren versorgt Hansen mit einer mobilen Arztpraxis und einem Team deutscher Medizinstudentinnen und -studenten obdachlose Geflüchtete in der Hafenstadt Thessaloniki. Sie halten ihre Sprechstunden auf einem Parkplatz in der Nähe des Bahnhofs ab. Der 21-jährige Idrissi ist einer der Patienten. Er kommt aus Casablanca und hat keine Papiere. Seit einem Jahr lebt er in Thessaloniki – ohne Zugang zu Unterkunft, Essen und medizinischer Versorgung. Er will weiter nach Frankreich reisen, aber wie, das weiß er nicht. "Morgen nehme ich meine Gitarre und fliege los", sagt er zu Hansen.   

Viele Migranten in Thessaloniki sind papier- und heimatlos wie er. Nach Monaten auf der Straße oder in Abbruchhäusern finden viele von ihnen nur mehr im Verkauf von Drogen oder Zigaretten einen Weg, um zu überleben, und viele sind schmerzmittelabhängig geworden, so wie Idrissi. Immer wieder musste er sich mit seinen Freunden eine neue Unterkunft suchen, zog von einem Abbruchhaus zum nächsten. "Irgendwann magst du nicht mehr aufstehen", sagt er.

"Die Jungs kriegen von mir schon eins auf die Ohren, wenn sie Scheiße bauen", sagt Hansen, "aber was machst du anderes, wenn sich seit Jahren kein Mensch mehr um dich kümmert?" Im letzten Winter hat sie viele Frostbeulen gesehen. Sie behandelte Erfrierungen ersten Grades und Verbrennungen gleichzeitig. Oft schliefen die Geflüchteten zu nah am Feuer. Und der Wind dreht schnell.

Brutale Zurückweisungen

Idrissi ist einer von Hunderten allein reisenden Männern, die in Thessaloniki obdachlos geworden sind, nachdem sie über den Grenzfluss Evros ins Land kamen. Die Auffanglager auf den Ägäischen Inseln und auf dem Festland sind immer noch dramatisch überfüllt – drei Jahre nachdem die EU und die Türkei in der Flüchtlingskrise ein Abkommen schlossen, dessen Ziel es war, dass weniger Geflüchtete nach Europa kommen. Die Türkei erklärte sich damals bereit, die eigenen Grenzen scharf zu überwachen und alle abgelehnten AsylbewerberInnen zurückzunehmen, die es von der türkischen Küste zu einer griechischen Insel geschafft hatten. 

Ist der Plan aufgegangen? Während 2015 noch 800.000 Menschen von der Türkei aus nach Griechenland flohen, waren es vergangenes Jahr nur noch 50.000. Auf dem Papier scheint das Hauptziel des Abkommens also erreicht: weniger Flüchtlinge für Europa.

Doch seit dem Pakt begeben sich die Menschen auf immer gefährlichere Wege, um es nach Griechenland zu schaffen. Einer führt über den Evros im Osten des Landes. Das Gewässer ist die natürliche Landesgrenze zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei. Es liegt im militärischen Sperrgebiet. Durch die reißenden Strömungen und die Minenfelder am Ufer sind in den vergangenen Jahren laut Human Rights Watch Hunderte ums Leben gekommen.     

Im Jahr 2018 schafften es 14.500 Personen über den Fluss. Griechenland war nicht darauf vorbereitet: Im Dezember campierten Hunderte Menschen, darunter Familien und allein reisende Frauen, rund um die Polizeistation in Thessaloniki.     

Laut einem Bericht von Human Rights Watch brauchen die meisten Geflüchteten fünf oder sechs Versuche, um den Fluss zu überqueren. Immer wieder werden sie brutal von griechischen Grenzpolizisten ans türkische Flussufer zurückgedrängt. Solche Pushbacks verstoßen zwar gegen internationales Recht, aber es habe sie schon immer gegeben, sagt Konstantinos Tsitselikis, Vorsitzender der Hellenic League for Human Rights und Professor für Menschenrechte an der Universität Thessaloniki. "Es ist die effektivste Strategie der Grenzpolizei, um Flüchtlinge von den Grenzen fernzuhalten."

Da die Pushbacks im Sperrgebiet stattfinden, haben Anwälte, Anwältinnen und Menschenrechtsorganisationen wenig Möglichkeiten, sie zu belegen. Sie sind auf die Aussagen jener angewiesen, die es in die Stadt geschafft haben. Es werde noch Jahre dauern, bis die Fälle vor dem Internationalen Gerichtshof landen, glaubt Tsitselikis. Die griechische Regierung bestreitet die Zurückweisungen am Evros vehement.