Wenn heute der Weltfrauentag in Russland mit Blumen zugeschüttet, in Sekt und seelenwarmen Trinksprüchen ertränkt wird, wenn Männer an diesem Tag die "lieben Damen" hochleben lassen und sich für Pralinen und Parfüm nicht lumpen lassen, dann fällt mir eine Zahl ein: 54 Prozent. So viele Russen und Russinnen finden laut dem Umfrageinstitut Lewada, dass der Mann das Geld verdienen und die Frau sich um Haushalt und Familie kümmern sollte.

Diese Zahl stammt von 2017 und ich finde sie keine 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erstaunlich. Man muss sich zwar nichts vormachen: Die Sowjetunion war ein verdammter Männerladen, auch wenn die offizielle Ideologie anderes versprach. In den 69 Jahren seiner Geschichte gewährte das Politbüro gerade mal zwei Frauen Einlass: Jekaterina Furzewa wird noch heute gern genannt, wenn es heißt, dass es sehr wohl berühmte Politikerinnen in der Sowjetzeit gab. Und die andere, Galina Semjonowa, durfte die letzten paar Monate vor dem Untergang der Sowjetunion ran.  

Und doch: Sowjetische Frauen kämpften im Krieg. Sie arbeiteten, sie flogen ins Weltall, als Frauen in Deutschland noch ihren Gatten um Erlaubnis bitten mussten, einem Beruf nachgehen zu dürften. Sowjetische Frauen konnten kostenlos abtreiben, was Segen und Fluch war: Drei bis vier Abtreibungen hatte jede von ihnen in ihrem Leben auszustehen – nicht, weil sie so praktisch waren, sondern weil es keine Verhütungsmittel gab. Als in den Achtzigerjahren die Pille auftauchte, nahmen Frauenärzte eher Abtreibungen hin, als die Pille zu verschreiben, die sie zu risikoreich fanden.

Seit Wladimir Putin 2012 jedoch seine konservative Wende einläutete, ist wieder viel von  "traditionellen Werten" die Rede. Es brauchte weniger als eine Generation, damit sich die gesellschaftliche Ablehnung von Abtreibungen verdreifachte.

Eine Frau als Präsidentin? Unvorstellbar

Frauen in der Politik? Das begrüßen heute 23 Prozent der Befragten. Muss man erwähnen, dass es zehn Jahre zuvor noch 40 Prozent waren? Als das Lewada-Institut seine Teilnehmerinnen und Teilnehmer fragte, welche von elf teils sehr bekannten Frauen Präsidentin Russlands werden könnte, trat die überwältigende Mehrheit die Flucht nach vorn an: "Schwer zu sagen", "Solche Frauen gibt es in Russland nicht" und "Frauen haben in der Politik nichts zu suchen".

Die Frau ist eine ideologische Ressource – nicht nur in Russland, sondern weltweit. Klar, in Deutschland begreift selbst die AfD, dass es ohne Frauen in der Politik nicht geht (aber bitte nicht zu viele davon). Es ist schließlich 2019. Dafür werden die Kämpfe in anderen Arenen ausgetragen, bei der Verteidigung der Paragraphen 218 und 219, bei den Forderungen nach Parität in der Politik, bei Quoten in Unternehmen. Hört man dem Streit um gendergerechte Sprache zu, könnte man gar meinen, dass mit jedem Sternchen und jedem Binnen-I für radikale Sprachbewahrer Schlachten verloren gehen, I für I, Sternchen für Sternchen.

Oft heißt es beruhigend, dass es sich um die letzten gestrigen Rückzugsgefechte handele. Ich bin mir da seit einigen Jahren nicht mehr so sicher.