Mit Kunstblut im Gesicht oder dem Tragen einer Guy-Fawkes-Maske, die als Symbol für den Widerstand gilt, protestieren Gelbwesten-Demonstranten in Paris. © Francois Mori/AP/dpa

Zum Mittagessen hat sie Weingläser aufgetischt und ein Schraubglas mit Cornichons auf die Leinendecke gestellt. Sandra Nussbaum, 82 Jahre alt, Lippenstift- und Nagelfarbe aufeinander abgestimmt, wohnt zwei Gehminuten entfernt vom Mittelmeer im südfranzösischen Nizza. Sie arbeitet als Sexualtherapeutin, "Sexologin", wie sie sich nennt. "Ob Gelbweste oder Firmenboss, das größte private Problem aller Menschen in meiner Praxis ist der vorzeitige Samenerguss." Sie lächelt freundlich.

Die Gelbwesten haben Frankreich in eine tiefe Krise gestürzt – oder eine tiefe Krise sichtbar gemacht, je nach Perspektive. Auch am Samstag beteiligten sich wieder Tausende Menschen an den Demonstrationen. Bei den Protesten starben bisher insgesamt zwölf Menschen, mehr als 1.700 wurden verletzt. Staatspräsident Emmanuel Macron hat einen höheren Mindestlohn und eine gesellschaftliche Debatte angekündigt, er hat das Demonstrationsrecht eingeschränkt und kämpft nun um seine Präsidentschaft. Die Wut der Demonstrantinnen und Demonstranten hatte sich daran entzündet, dass der Kraftstoff um drei Cent teurer werden sollte. Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Aber die Frage ist: Wieso war das Fass vorher schon so voll? Warum überwirft ein ganzes Land sich wegen einer geringfügigen Preiserhöhung?

Die Antworten auf diese große Frage sind vielfältig, aber es filtern sich zwei widerstreitende Sichtweisen auf die Gelbwesten heraus: Haben die Demonstranten ein individuelles Problem, das mit einigen sozialen Projekten gelöst werden kann, oder ist die Bewegung die logische Folge einer neoliberalen Politik, die den Menschen in Frankreich immer weniger zu bieten hat? Unsere Protagonisten – die elegante ältere Dame Nussbaum, jüdische Radiomoderatorin und Sexologin, und der Feinkosthändler Jean-Claude Giardina, Selbstständiger in einem Bergdorf – vertreten jeweils eine dieser Erklärungen. Und stehen mit ihrer Person für die widerstreitenden Theorien zu den Gelbwesten. 

Kaufkraft, das Zauberwort der französischen Politik

Nussbaum hat eine ganz eigene Erklärung: Sie meint, die Aufständischen seien vor allem einsam. "Vorher saßen sie traurig zu Hause, jetzt stehen sie zusammen am Kreisverkehr und trinken Kaffee", sagt sie. Über vier Jahrzehnte hat Nussbaum in ihrer Praxis bei Paris Paare therapiert, aus allen Schichten der Gesellschaft. Und immer wieder fiel ihr auf, wie einsam die Menschen seien. "Häufig empfing ich Paare, die für die Arbeit nach Paris gezogen waren und sich immerzu stritten, weil sie nie unter Leute gingen."

Tatsächlich gibt es seit Ausbruch der Proteste ein Thema, das im Reden mit und über die Gelbwesten immer wiederkehrt: das neue Gemeinschaftsgefühl. Viele Demonstrierende erzählen, wie sehr sie ihre neuen Freunde am Kreisverkehr oder auf der Samstagsdemo schätzen. Sie entwickeln Gruppentänze am Kreisel, chatten nächtelang über Facebook und nicken allen Menschen mit Warnweste freundlich zu. Die Bewegung ist für viele das Erleben von Solidarität. Eigentlich aber fingen die Proteste Mitte November an, weil die Regierung die Steuer auf Diesel anheben wollte. Eine Minireform, die Zehntausende auf die Straße brachte. Sie wollen eine Reichensteuer und höheren Mindestlohn, und im Prinzip geht es um den historischen Verteilungskampf: Nehmt mehr Geld von den Reichen und gebt es den Armen.

Nussbaum ist davon überzeugt, dass die soziale Ungleichheit ein schwerwiegendes Problem in Frankreich ist, aber sie sagt, dass viele vergeblich in der berühmten Kaufkraft ihre Erlösung suchen – Kaufkraft ist derzeit das Zauberwort der französischen Politik. Wenn die Leute mehr Geld zum Einkaufen haben, wird endlich wieder Ruhe einkehren, so die Annahme. Nussbaum sah in den Fernsehnachrichten einen Mann am Kreisverkehr sagen, er wolle nicht 100 Euro mehr Mindestlohn wie von Macron versprochen, sondern 300 Euro. "Und ich schwöre Ihnen", sagt Nussbaum, "mit diesen 300 Euro mehr wäre sein Leben auch nicht viel besser." Wahrscheinlich habe er einfach Angst, nicht mehr mitzukommen, so ihre Vermutung.

Nicht mehr mitzukommen mit einem Präsidenten, der rasend schnell in sein Amt kam, der eine neue Ära in der Politik versprach und vielen Menschen damit Angst einflößte. Angst davor, staatliche Sicherheiten und die Kaufkraft zu verlieren, die eigentlich nur ein verkürztes Symbol für gesellschaftliche Teilhabe ist. Nicht zufällig heißt Kaufkraft wörtlich ins Französische übersetzt sogar Kaufmacht.

Nussbaum wurde im belgischen Antwerpen geboren. Als die Nazis das Land besetzten, war sie drei Jahre alt. Sie und ihre Eltern mussten über die schneebedeckten Alpen von Frankreich in die Schweiz fliehen, vorbei an Menschen, die einfach im Schnee sitzen geblieben und erfroren waren, alle paar Minuten kam das Mädchen an diesen menschlichen Eisstatuen vorbei, wie sie heute erzählt. In der Schweiz überlebte die Familie ein Arbeitslager und kehrte erst nach dem Krieg wieder nach Belgien zurück. Sie sei nicht belgisch, sondern jüdisch, riefen ihr die Kinder auf dem Pausenhof zu. "Ich schlug dann einfach zu", sagt Nussbaum mit einem gewissen Stolz. Sie sei stark gewesen, sagt sie und sticht ihre Faust mit dem goldenen Armbändchen in die Luft.