Auch wenn die aktuellen Umfragen deutlich machen, dass zwei Drittel der israelischen Gesellschaft sich wünschen, Netanjahu solle im Falle einer Anklage sein Amt niederlegen, und dass Benny Gantz demnach Netanjahu nach Mandatssitzen mittlerweile überholt hat, so ist es zum Jubeln für die Opposition noch zu früh. Netanjahu und der Likud werden alles versuchen, ihre Gegner zu diskreditieren.

Am selben Tag, an dem Mandelblit die Anklage aussprach, wurde plötzlich bekannt, dass eine Israelin, die in den USA lebt, Benny Gantz der sexuellen Belästigung bezichtigt, er soll sich ihr als Jugendlicher angeblich nackt genähert haben. Die israelischen Medien berichteten, dass Likud-Kulturministerin Miri Regev irgendetwas mit dieser Veröffentlichung zu tun gehabt haben soll. Man ahnt also, was bis zum Wahltag noch alles geschehen kann.

Sollte Benjamin Netanjahu die Wahl tatsächlich gewinnen, wäre dies allerdings wohl ein Pyrrhus-Sieg für ihn und für das Land. Denn viele stellen sich die Frage, wie ein Premier in dieser hochkomplexen und auch kriegerisch gefährlichen Zeit im Nahen Osten vernünftig regieren kann, wenn er gleichzeitig einen großen Teil seiner Zeit für seine Verteidigung vor Gericht wird aufwenden müssen. Und wie viel politisches Gewicht hat ein Premier Netanjahu noch auf dem internationalen Parkett, wo er wahrscheinlich nur noch als Dead Man Walking angesehen würde?

Am 9. April geht es also um mehr als um die Frage, ob die Israelis Benny Gantz oder Benjamin Netanjahu als neuen Premier haben wollen. Die wirkliche Frage lautet: Was für einen Staat wollen die Israelis? Nicht mehr. Nicht weniger.