Nach einem neuen Raketenangriff in der Nähe der israelischen Küstenstadt Tel Aviv hat Ministerpräsident Benjamin Netanjahu eine "kraftvolle" Reaktion angekündigt. "Gegen den Staat Israel wurde ein krimineller Angriff verübt, und wir werden mit Kraft reagieren", sagte der Premier in einer von seinem Büro veröffentlichten Videobotschaft und kündigte zugleich an, seinen US-Besuch zu verkürzen. "Wegen der Sicherheitsvorfälle" werde er nach dem Treffen mit US-Präsident Donald Trump an diesem Abend umgehend nach Israel zurückkehren, "um die Einsätze aus der Nähe zu leiten", sagte Netanjahu weiter.

Eine aus dem Gazastreifen abgefeuerte Rakete hatte am Montagmorgen ein Haus nördlich von Tel Aviv getroffen. Nach Polizeiangaben geriet das Haus in der Gemeinde Mischmeret in Brand – sieben Menschen wurden verletzt. Kurz vor dem Einschlag seien die Alarmsirenen losgegangen, woraufhin sich die Hausbewohner in einen Schutzraum geflüchtet hätten. Dies habe ihnen womöglich das Leben gerettet.

Unmittelbar danach ordnete Israel die Schließung der Grenzübergänge in den Gazastreifen und die Einschränkung der Fischereizone vor der Küste an. Zudem werde das Militär weitere Truppen in die Nähe des Palästinensergebiets schicken, sagte eine Armeesprecherin. Demnach werden zwei Brigaden entsendet, Infanterie und Panzer, und eine begrenzte Anzahl von Reservisten einberufen.

Hamas-Vertreter: "Kein Interesse an Konfrontation mit Israel"

Militante Palästinenser feuern häufig Raketen auf das Grenzgebiet um den Gazastreifen ab. Es ist jedoch ungewöhnlich, dass ein Geschoss so weit entfernt von dem Küstenstreifen einschlägt. Zu dem Angriff am Montagmorgen bekannte sich zunächst niemand. Die israelische Armee machte die im Gazastreifen herrschende radikalislamische Hamas für den Raketenangriff verantwortlich. "Der Abschuss wurde von der Hamas von einer ihrer Stellungen in der Gegend von Rafah ausgeführt", sagte ein Armeesprecher mit Blick auf ein Gebiet im südlichen Gazastreifen. Das Geschoss hätte damit rund 120 Kilometer bis nach Mischmeret zurückgelegt.

Die Hamas wies das zurück: "Niemand von den Widerstandsbewegungen, die Hamas eingeschlossen, hat ein Interesse daran, Raketen aus dem Gazastreifen auf den Feind abzufeuern", sagte ein Hamas-Vertreter. Die Hamas habe kein Interesse an einer Konfrontation mit Israel. Die Bundesregierung verurteilte den Raketenangriff auf Israel "auf das Schärfste" und rief angesichts der Eskalation alle Seiten zur Zurückhaltung auf. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes warnte vor "einer immer schwerer zu kontrollierenden Situation".

Zuletzt hatte sich der Konflikt zwischen der israelischen Regierung und der Hamas verschärft. An der Grenze zu Israel kommt es wieder zu teilweise gewaltsamen Protesten. Am Sonntagabend hatten israelische Panzer nach Armeeangaben Posten der Hamas in dem Palästinensergebiet beschossen. Militante Palästinenser hätten zuvor Flugkörper mit Sprengsätzen nach Israel geschickt und Soldaten an der Grenze mit Sprengsätzen beworfen.

In Israel wird in zwei Wochen gewählt

Zugleich protestieren Bewohnerinnen und Bewohner des Gazastreifens gegen Hamas. Sie kritisieren vor allem die wirtschaftliche Lage, die Organisation schlägt die Kundgebungen nach Angaben von Menschenrechtlern nieder.

Die Auseinandersetzungen und der überraschende Angriff auf den Ort Mischmeret fallen mitten in den israelischen Wahlkampf, zwei Wochen vor der Parlamentswahl. Bereits Mitte März hatte es einen palästinensischen Raketenangriff auf Tel Aviv gegeben – den ersten seit dem Gazakrieg 2014. Die Hamas teilte anschließend mit, es habe sich um ein Versehen gehandelt.

Seit Beginn der Proteste vor einem Jahr sind nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums an der Grenze zum Gazastreifen mehr als 260 Palästinenser getötet und Tausende verletzt worden. Die Demonstrierenden fordern unter anderem ein Ende der seit mehr als einem Jahrzehnt andauernden Blockade des Palästinensergebiets am Mittelmeer, die Israel mit Sicherheitsinteressen begründet. In dem schmalen Küstenabschnitt leben etwa zwei Millionen Menschen unter schwierigen Bedingungen. Es mangelt unter anderem an Trinkwasser und Strom.