Eines lässt sich über den Täter von Utrecht schon einmal sagen: Er ist nicht einer jener Amokläufer, nach deren erschütternden Taten Nachbarn und Bekannte ungläubig zu Protokoll geben, man hätte sich so etwas nie vorstellen können. Am Abend nach den Schüssen in der Straßenbahn taucht auf der Website der Regionalzeitung De Stentor die Aussage einer Frau auf, die sagt, sie sei vom vermeintlichen Schützen mehrfach vergewaltigt worden. Auch für eine ganze Reihe anderer Delikte ist der 37-jährige Gökmen T. bekannt, darunter Bedrohung, Diebstahl und das Beschießen eines Wohnblocks nahe dem 24 Oktoberplein, dem Platz des 24. Oktober, der an diesem schneidend kalten Montag im März weltweit bekannt wurde.

Dort soll der aus der Türkei stammende Mann in einer Straßenbahn drei Menschen erschossen haben. Fünf weitere Fahrgäste wurden bei dem Angriff verletzt, drei von ihnen schwer. Die Polizei hält derzeit noch einen Terrorakt, aber auch eine Beziehungstat für möglich. Gökmen T. war am Abend bei einer Wohnungsdurchsuchung in Utrecht festgenommen worden. Zwei weitere Verdächtige befinden sich in Polizeigewahrsam.

Utrecht ist an diesem Montag eine seltsame Mischung aus leer gefegten Straßen hinter Kilometern von rot-weißem Absperrband der Polizei und, jenseits davon, umso zäherem Verkehr. Drei Taxifahrer und viel Geduld braucht es, um am Abend zwischen Tatort und der Pressekonferenz von Polizei und Bürgermeister hin- und herzufahren. Und alle sagen sie, dass sie Gökmen T. kennen. Wie man einander eben kennt in Kanaleneiland, dem Viertel, das gleich hinter dem Tatort beginnt und wo die Mutter des mutmaßlichen Täters wohnen soll.

Wem man dabei glauben soll, ist eine andere Sache. Einer erzählt, er sei verrückt. Ein anderer berichtet, sein Bruder, ein einstiger Taxikollege, sei ein langbärtiger Islamist. Der Dritte sagt, T. habe ihm und einem anderen Mann vor Jahren in einer Moschee recht kryptisch angedroht: "Ihr werdet brennen!" Man habe ihn nicht ernst genommen, eben weil man wisse, der Kerl hat sie nicht alle. Und dann, vor drei Monaten, hätte er ihn als Kunden gehabt. T. sei soeben aus dem Knast gekommen. "Ich hab gerade gesessen, fahr mich zu den Huren", habe seine knappe Anweisung gelautet. Er habe ihn dann zum Straßenstrich in der Europalaan gefahren.

Nach den Schüssen von T. am Montag herrscht der Ausnahmezustand in der viertgrößten Stadt des Landes, die eigentlich bekannt ist für Universität, Dom und Messezentrum. Terrorwarnstufe fünf tritt in Kraft, erstmals. Moscheen und die Uni werden geschlossen, Grundschüler von den Eltern abgeholt. Die Einwohner erhalten eine SMS, dass sie in ihren Häusern bleiben sollen.

"Warum haben Sie die ganze Stadt lahmgelegt?"

"Warum haben Sie die ganze Stadt lahmgelegt?", will ein niederländischer Journalist später auf der Pressekonferenz des Bürgermeisters wissen. Der Bürgermeister sagt, man greife nicht leichtfertig zu solchen Schritten. Gerechtfertigt seien sie durch die – nicht bestätigte – Annahme, es habe mehrere Schießereien gegeben. Und durch die Tatsache, dass der Verdächtige auf der Flucht sei. In diesem Moment weiß noch niemand, dass fünf Kilometer nördlich des Tatorts eine Polizeioperation läuft, bei der Gökmen T. festgenommen wird.

Lahmgelegt ist auch der 24 Oktoberplein, wo um viertel vor elf am Morgen die Schüsse fielen. Niemand ohne Presseausweis kommt seitdem hierher. Auf der Kreuzung steht wie ein Standbild die gelbe Tram mit der Endstation Utrecht CS (Centraal Station), die dort nicht ankam.

"Stell dir das mal vor, du steigst in die Straßenbahn und fährst im Leichenwagen zurück", sagt ein Kameramann, als eine andere vorüberfährt. Eine forensische Einheit in weißen Kitteln betritt die Szene. Sie errichtet einen Sichtschutz vor der Tram. Einer der Toten, wird später bekannt, ist ein dreifacher Familienvater. Eine andere eine junge Frau aus einer Stadt in der Nähe. In einem Krankenhaus kämpfen drei der fünf Verletzten um ihr Leben, während die weißen Overalls den Tatort untersuchen. Oben kreist wieder einmal der Hubschrauber. Es geht auf den Abend zu, als der Sichtschutz abgebaut wird. Die Tram bleibt stehen und mit ihr die Frage: Was ist hier passiert?