"Warum Kiew für Poroschenko ist" steht auf den Flugblättern, die Ljudmilla Grigorjewna vor der Metrostation verteilt. Es ist Mittag, ein Wind pfeift durch die Ausfahrtstraßen im nördlichen Kiewer Wohnbezirk Obolon. Es ist der letzte offizielle Wahlkampftag. Seit dem Morgen ist die 65 Jahre alte Rentnerin, den Kunstpelzkragen hochgeschlagen und das Stirnband über die Ohren gezogen, für den Präsidenten im Einsatz. Als Freiwillige, wie sie sagt. "Immerhin ist meine ganze Familie für Poroschenko."

Ein Passant tritt näher, und Ljudmilla zückt ihr Klemmbrett mit den Fragen. Wie finden Sie die EU-Visafreiheit, die seit 2017 in Kraft ist? Dass die Armee seit dem Krieg gestärkt wurde? Und die Unabhängigkeit der ukrainisch-orthodoxen Kirche, die zu Weihnachten mit maßgeblicher politischer Rückendeckung von Poroschenko gefeiert wurde? Dreimal nickt der Mann, dreimal macht Ljudmilla ein fettes Plus.

Sprache, Armee, Glaube – mit diesen Themen ist Poroschenko in diesen Wahlkampf gezogen. Doch während es bis zuletzt nicht gut für die Wiederwahl des Schokoladenunternehmers aussah und er noch bis vor Kurzem kaum über zehn Prozent Zustimmung hinauskam, konnte er auf den letzten Metern aufholen. Laut einer aktuellen Umfrage liegt er mit 16,4 Prozent nur noch knapp hinter Julija Tymoschenko (16,6 Prozent) auf Platz drei, der Komiker Wolodymyr Selenskyj führt weiterhin mit 27,7 Prozent. Doch die Wahlen gelten als unvorhersehbar. Bis zuletzt gab ein Viertel der Wählerinnen und Wähler an, sich noch nicht für einen Kandidaten entschieden zu haben. Die Stichwahl, die als sicher gilt, findet am 21. April statt.

Krise, Korruption und Krieg

Vor fünf Jahren waren die Zeiten noch andere. Damals, in den dramatischen Tagen nach der Maidan-Revolution, der Annexion der Krim und dem Kriegsausbruch im Donbass, wurde Poroschenko bereits im ersten Wahlgang mit knapp 54 Prozent zum Präsidenten gewählt. Doch seither ist der Lebensstandard gesunken, im Krieg in der Ostukraine sind 13.000 Menschen gestorben und vom "neuen Leben", das Poroschenko damals versprochen hatte, spüren viele Ukrainer nichts. Im Gegenteil. Krise, Korruption und Krieg: Fünf Jahre nach dem Maidan sind viele von ihnen enttäuscht.

Warum Ljudmilla trotz allem den Präsidenten unterstützt? "Weil er ein kluger, fähiger Manager ist und international eine gute Figur macht", sagt sie. Im Kampf gegen die Korruption hätten sich nicht alle ihre Erwartungen erfüllt. "Aber man kann nun mal nicht alles auf einmal machen", sagt sie und zuckt mit den Schultern. Eine Passantin bleibt stehen, Alla Babitsch, Kindergärtnerin, die ebenso für Poroschenko stimmen will: "Er ist zumindest ein Präsident, für den ich mich nicht schämen muss." – "Soll das Land etwa von lauter Clowns regiert werden?", mischt sich ein Mann ein, mit Seitenhieb auf den Komiker Selenskyj.

Poroschenkos Wahlkampagne setzt genau hier an: Er warnt vor der Unsicherheit, sollten tatsächlich der Komiker Selenskyj – ein politischer Niemand – und die ehemalige Ministerpräsidentin Tymoschenko, die zuletzt mit populistischen Tönen aufgefallen war, in die Stichwahl kommen. Quer durch das Land hat sein Team Plakate mit nur einem Wort aufhängen lassen, sie säumen Straßen und Wohnblöcke wie eine Beschwörungsformel: Dumaj (Denk nach). Der Präsident wirbt damit, dass er die rationale Option im Dreikampf um das höchste Amt sei, die einzige Alternative. So steht es auch auf Ljudmillas Wahlbroschüren: "Es gibt viele Kandidaten, aber nur einen Präsidenten."