Die britische Premierministerin Theresa May bekommt mehr Zeit, um doch noch einen geregelten Brexit zu erreichen. Die EU stimmte einer Fristverlängerung zu. Voraussetzung dafür ist, dass das britische Unterhaus den wiederholt abgelehnten Ausstiegsvertrag in der kommenden Woche doch noch annimmt. Sind mit der Verschiebung die Chancen auf ein Ende des Brexit-Streits gestiegen?

Der tschechischen Zeitung "Hospodárske noviny" zufolge ist Großbritannien auch Jahre nach dem Referendum über den EU-Austritt einer Lösung nicht näher gekommen. Die Zeitung fordert deshalb eine zweite Volksabstimmung. Dies wäre "die am wenigsten dumme aller dummen Möglichkeiten" und in der derzeitigen "Pattsituation die einzige saubere Lösung".

Auch die italienische Zeitung "La Repubblica" sieht trotz der Einigung in Brüssel vor allem Chaos und fragt: "Wie hat es eines der pragmatischsten Völker geschafft, das Vereinigte Königreich – Wiege der liberalen Demokratie und des glorreichen Parlaments von Westminster – in einen Irrgarten wie den Brexit zu versenken?" Das Referendum über den EU-Austritt habe Großbritannien in einen "politischen Morast gestoßen". Eine Serie von "falschen Kalkulationen und irrationalen Entscheidungen" ziehe sich "wie ein roter Faden" durch die vergangenen Jahre.

Der britische "Guardian" wirft Premierministerin May vor, Millionen von Menschen, die mit dem Brexit und ihrem Umgang damit nicht einverstanden sind, zu ignorieren. Mays Versuch, die Brexit-Krise als einen Konflikt zwischen dem Parlament und dem Volk darzustellen, sei eine Lüge. "Die Spaltung aufgrund des Brexits verläuft tief durch die gesamte Nation, aber nicht zwischen Parlament und Volk", schreibt die Zeitung.

"Brüssel gibt London den Takt vor"

Die spanische Zeitung "La Vanguardia" lobte das Auftreten der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und des französischen Präsidenten Emmanuel Macron auf dem EU-Gipfel in Brüssel. "Macron spielte den Harten, während die deutsche Kanzlerin Angela Merkel als gute Polizistin auftrat", schreibt die Zeitung. Die Botschaften der beiden hätten sich ergänzt und zeigten neben gutem Willen, dass "ohne die Zustimmung des britischen Parlaments die guten Absichten ein Ende finden".

Die "Neue Zürcher Zeitung" aus der Schweiz schreibt, dass "Brüssel in jedem Fall London den Takt vorgibt". Theresa May hingegen entgleite in Großbritannien jeder "Rest an Autorität und Glaubwürdigkeit". Der Zeitung zufolge wird über die Zukunft des Landes nun in Brüssel entschieden. May scheine weiter darauf zu setzen, dass die Abgeordneten "fünf Minuten vor zwölf dem Druck nachgeben und ihren Vertrag doch noch durchwinken", schreibt die Zeitung.

Brexit - "Wir müssen vorankommen" Die EU hat Großbritannien einen Aufschub für den Brexit gewährt. Der belgische Premierminister Charles Michel fordert endlich Klarheit vom Vereinigten Königreich. © Foto: Sean Gallup/Getty Images