Rund 24 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica ist der politisch Hauptverantwortliche, der ehemalige Serbenführer Radovan Karadžić, zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Das entschied das UN-Tribunal im Berufungsverfahren Den Haag. In erster Instanz war der 73-Jährige noch zu 40 Jahren Haft verurteilt worden. Sowohl er selbst als auch die Anklage hatten gegen das Urteil Berufung eingelegt. Das jetzige Urteil ist endgültig.

Die Richter "verhängen eine lebenslange Haftstrafe", sagte der Vorsitzende Richter Vagn Joensen. Im Ursprungsverfahren sei die "besondere Schwere von Karadžić' Verantwortung für die meisten schweren Verbrechen während des Konflikts unterschätzt" worden. Karadžić verfolgte die Urteilsverkündung regungslos. Er äußerte sich nicht. Auf der Tribüne brach lauter Applaus aus.

Der frühere Psychiater wurde wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Balkankrieges in den Neunzigerjahren verurteilt. Er sei schuldig wegen Mordes, Verfolgung und Zwangsvertreibung bosnischer Muslime, so das Gericht. Außerdem habe er die 44 Monate dauernde Belagerung der bosnischen Stadt Sarajevo sowie den Völkermord von Srebrenica zu verantworten.

1995 hatten serbische Einheiten unter dem serbischen General Ratko Mladić die damalige UN-Schutzzone überrannt und etwa 8.000 muslimische Männer und Jungen ermordet. Insgesamt wurden im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 etwa 100.000 Menschen getötet. Karadžić war 2008 nach 13 Jahren auf der Flucht in Serbien als alternativer Heiler entdeckt und an das Gericht ausgeliefert worden.

"Friedensstifter des Balkans"

Das Berufungsurteil wurde vom sogenannten Internationalen Residualmechanismus für die Ad-hoc-Strafgerichtshöfe gefällt. Dabei handelt es sich um ein Gericht, das als Rechtsnachfolger des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) tätig ist. Karadžić hatte dem Urteil des ICTY in 50 Punkten widersprochen und den Richtern vorgeworfen, einen "politischen Prozess" gegen ihn geführt zu haben.

Auch in dem Berufungsprozess hatte Karadžić  immer wieder seine Unschuld beteuert. Die Vorwürfe seien "haltlos", er sein kein Kriegstreiber, sondern im Gegenteil der "Friedensstifter des Balkans" gewesen. Er hatte Freispruch gefordert. Die Anklage hatte eine lebenslange Strafe gefordert und wollte, dass auch die Verfolgung von Muslimen in bosnischen Kommunen als Völkermord eingestuft wird. Das aber lehnten die Richter ab.

Angehörige von Opfern jubelten im Gerichtssaal, als die Richter das Urteil verkündet hatten. "Endlich Gerechtigkeit", sagte Munira Subašić von der Organisation Mütter von Srebrenica. Eine lebenslange Haftstrafe sei die einzig gerechte Strafe für Karadžić. "Die Wahrheit und die Gerechtigkeit haben gesiegt."