Weniger wert als ein Tier – Seite 1

Der Großteil Syriens ist wieder unter Kontrolle von Machthaber Baschar al-Assad, aber der Krieg ist nicht vorbei. In Idlib, der letzten Rebellenenklave, bombardieren die syrische und russische Armee derzeit Dörfer, um sicherzustellen, dass auch dort wieder die Fahnen des syrischen Regimes wehen. Assad plant bereits die Zukunft, wobei er davon ausgeht, dass die westlichen Länder sein zerstörtes Land wieder aufbauen werden, was durchaus möglich ist. Auch wenn zum Beispiel die EU eigentlich einen "alle Seiten einbeziehenden politischen Übergangsprozess" zur Bedingung gemacht hat, um sich an Syriens Zukunft zu beteiligen.

Ob die aus dem Land Geflohenen je zurückkehren können, ist unklar. Es ist nicht so sehr die Zerstörung, die viele Syrer davon abhält, sondern die Angst. Das Regime hat seit 2011 in seinen Foltergefängnissen Tausende Menschen umgebracht, viele wurden verschleppt und bleiben spurlos verschwunden. Und die, die unter Assad politisch verfolgt wurden und geflohen sind, erwarten in Syrien auch heute Verhaftung, Folter oder Mord. Zwei Syrer berichten von ihren Erfahrungen.  

"Jeder Inhaftierte erlebt sexuelle Gewalt"

"Was ich erzähle, haben sehr viele junge Syrer erlebt. Und viele müssen das noch immer durchleiden. Ich komme aus Daraja, einem Vorort von Damaskus, der bekannt wurde als Symbol des Widerstands gegen Assad. Als im März 2011 die Revolution begann, studierte ich Ingenieurswissenschaften. Ich war einer der Ersten, die die friedlichen Proteste gegen das Regime organisierten. Das aber ließ uns nicht lange gewähren. Bald errichtete die syrische Armee Checkpoints um Daraja, die Bewohner konnten sich nicht mehr frei bewegen. Die Sicherheitskräfte verhafteten Dutzende Demonstranten und schossen in die Menge. Während eines Protests schoss ein Scharfschütze auf mich, seine Kugel traf mich am Kinn.

Ahmad Helmi wurde drei Jahre lang in Assads Foltergefängnissen misshandelt. Heute kämpft er mit seiner Organisation Ta’afi (deutsch: Erholung) von der Türkei aus dafür, Folteropfer zu unterstützen und das syrische Regime zur Verantwortung zu ziehen. © privat

Ich bin dann nach Damaskus gezogen, weil es für mich in Daraja zu gefährlich war. Dort habe ich mit befreundeten Ärzten eine Organisation gegründet, mit der wir versuchten, Medikamente in Feldlazarette zu bringen, in die Gebiete, über die das Regime die Kontrolle verloren hatte. Es reagierte mit Bombenabwürfen auf Zivilisten, wir wollten den Verletzten helfen.

Im Dezember 2012 wurde ich in der Universität in Damaskus verhaftet. Ich wurde stundenlang in einem Raum festgehalten, Leute des Geheimdienstes schlugen mich mit Stöcken. Danach begann meine Odyssee durch die Folterkeller des Regimes. In den nächsten drei Jahren wurde ich von einem Gefängnis ins nächste gebracht. Sie tun das, um die Inhaftierten zu verwirren und es den Angehörigen unmöglich zu machen herauszufinden, wo sie sind.

Die Gefängnisse des Geheimdienstes sind die schlimmsten. Es gibt sie überall in Damaskus, oft sind sie unterirdisch. Niemand erfährt, wenn man dort ist. Dort ist man weniger wert als ein Tier.

Ich musste mir eine winzige Zelle mit etwa 30 anderen Gefangenen teilen. Es war so eng, dass wir auf dem Boden dicht nebeneinander hocken mussten. Wir hatten kein Fenster, es gab nur künstliches weißes Licht, wir wussten nicht, ob Tag oder Nacht war. Die Wärter haben mich immer wieder aus der Zelle geholt, um mich zu foltern. Sie taten das, um Informationen aus mir herauszuprügeln, um mich zu bestrafen, oft auch nur aus Spaß oder zum Zeitvertreib.

Am Anfang wollten sie zum Beispiel das Passwort von meinem iPad. Das war sehr gefährlich, denn da hatte ich die Kontaktdaten der Ärzte aus meiner Organisation gespeichert. Ich fürchtete, dass sie meine Freunde verhaften oder umbringen würden. Weil ich mich weigerte, haben sie mich mit stundenlanger Folter bestraft. Ich wurde bewusstlos, und als ich aufwachte, hing ich mit beiden Armen, die Hände nach oben, an einem Seil, meine Füße berührten den Boden nicht. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort hing. Irgendwann ließen sie mich runter und begannen ihre Befragungen. Warum ich ein Spion für Israel sei, wer mich finanzieren würde und so weiter, das sind ihre Standardfragen.

Jeder Inhaftierte erlebt sexuelle Gewalt. Das muss nicht unbedingt Vergewaltigung sein. Wer neu in einem Gefängnis ankommt, muss seine Unterwäsche ausziehen und sich vornüberbeugen. Auch benutzen die Wärter sexuelle Begriffe, um die Menschen zu beleidigen. Beim Duschen schlagen sie mit Stöcken überall auf den nackten Körper ein, sie lassen keine Körperstelle aus.

Der Leichnam seines Bruders

Es gibt noch eine Foltermethode, die sehr verbreitet ist. Wir mussten immer wieder die Leichen der Menschen, die zu Tode gefoltert worden waren, in Decken wickeln und in Autos bringen, damit die Wärter sie zu Krematorien oder zu Massengräbern bringen konnten, um sie zu entsorgen. Ein Freund von mir konnte nach seiner Freilassung zwei Jahre lang nicht sprechen. Auch er musste die Leichen zu den Autos tragen und einmal sah er dabei in das Gesicht seines toten Bruders. Als er erkannte, dass er den Leichnam seines Bruders im Arm hielt, fiel er in Schockstarre. 

Nach meiner Freilassung bin ich in die Türkei geflohen. Dort wurde ich Repräsentant des zivilen Rats von Daraja. In Daraja gab es keine Islamisten und die beiden Rebellengruppen unterstanden unserem Rat, wir waren eine Art Vorzeigeprojekt der zivilen, friedlichen Opposition. Deswegen hasste das Regime die Stadt und belagerte sie fast vier Jahre lang. Als es Daraja 2016 wieder unter seine Kontrolle gebracht hatte, mussten wir den Rat auflösen.

Weil ich große Probleme hatte, nach der Freilassung wieder ins normale Leben zurückzufinden, gründete ich im April 2017 die Initiative Ta’afi. Wir bieten ehemaligen Gefangenen psychische Unterstützung, Gesundheitsversorgung und rechtliche Hilfe an und vermitteln Jobtrainings. Mein Gedanke bei der Gründung war: Ich möchte anderen ehemaligen Gefangenen helfen, damit sie es leichter haben als ich. Menschen wie Islam.

Islam Dabbas war mein bester Freund in Daraja. Er wurde kurz nach Beginn der Revolution verhaftet. Viele Jahre habe ich darauf gewartet, dass er aus dem Gefängnis kommen und mich anrufen würde. Am 18. Juli 2018 erhielt ich den Totenschein für Islam. Es war die Bescheinigung dafür, dass das Regime ihn umgebracht hatte – und zwar schon im Januar 2013, im Foltergefängnis Sednaja. Wir haben noch fünf Jahre nach seinem Tod auf ein Lebenszeichen gehofft.   

Die Ungewissheit ist das Schlimmste

Das Regime tut diese Dinge systematisch: Es verschleppt junge Leute und verschweigt den Angehörigen Auskunft darüber, was mit ihnen passiert ist. Wer eine Bestätigung bekommt, dass etwa ein Sohn tot ist, der kann auch loslassen und trauern. Ungewissheit ist das Schlimmste. Auf dem Totenschein steht, Islam sei an einem Herzschlag gestorben. Diese Formulierung nutzt das Regime immer, wenn es Menschen zu Tode hat foltern lassen. Wir haben Totenscheine von neun weiteren Freunden erhalten, die am gleichen Tag gestorben sind wie Islam, im gleichen Gefängnis, aus angeblich dem gleichen Grund: Herzversagen. Damit nimmt uns das Regime die Möglichkeit, diese Verbrechen aufzuklären.

Wir versuchen, die internationale Gemeinschaft auf diese Verbrechen aufmerksam zu machen. Wir möchten, dass die Täter bestraft werden. Bisher haben die Vereinten Nationen sich nicht dazu durchgerungen, den Internationalen Strafgerichtshof mit Ermittlungen zu beauftragen. Wenn die Vertreter von EU und UN etwas tun wollen, um Gerechtigkeit für uns zu schaffen, müssen sie Druck auf das Regime ausüben, damit es die Gefangenen freilässt und internationalen Beobachtern Zugang zu den Gefängnissen gestattet. Wir brauchen Mechanismen, die es ermöglichen, die Leichen der ermordeten Gefangenen zu identifizieren und die vielen Menschen zu finden, die noch in den Folterkellern verschwunden sind.

Überlebende wie meine Freunde und ich können dabei helfen. Wir wissen, wie das Regime funktioniert, wir kennen die Details dieser brutalen Maschinerie."

"Ich hatte keinen Toten, den ich begraben konnte"

"Ich komme aus einem Vorort von Damaskus, wo ich mehr als 30 Jahre als Erzieherin und Schulleiterin gearbeitet habe. Ich hatte drei Söhne, jetzt habe ich nur noch zwei. Der jüngste von ihnen wurde vom syrischen Regime umgebracht.

Als die Revolution in Syrien begann, studierte Ayham Zahnmedizin. Wie viele junge Leute hatte er sich den Protesten angeschlossen. Er wurde das erste Mal im Februar 2012 verhaftet, weil er für das Syrian Center for Media Expression and Freedom (SCM) die Menschenrechtsverletzungen des Regimes dokumentierte. Er wurde gefoltert, weil er aus einem Viertel kam, in dem viele Assad-Unterstützer lebten, und er als Regimekritiker bekannt war.

Nach wenigen Monaten wurde er freigelassen, doch unsere Freude währte nur kurz. Am 5. November des gleichen Jahres wurde er erneut verhaftet. Er war an dem Tag an der Universität in Damaskus. Er wollte gerade nach Hause gehen, als ihn am Checkpoint Mitglieder des Studentenwerks festhielten.

Die Syrerin Mariam al Hallak ist Mitgründerin der Caesar Families Association, die sich für die Rechte der Hinterbliebenen von Gefangenen in Syrien einsetzt. © Mohamad Abdullah

Sie brachten ihn in den Trakt der Humanmedizin. Dort nutzen die Vertreter des Studentenwerks, unbeirrbare Assad-Unterstützer, bis heute ein Büro als Folterzentrum. Sie folterten Ayham mehrere Stunden lang und schlugen so heftig auf seinen Kopf, dass er wegen starker innerer Blutungen das Bewusstsein verlor.

Von dort brachten sie ihn in die Niederlassung 215 des Militärgeheimdienstes in Damaskus in eine Zelle. Die Mitgefangenen flehten die Wärter an, ihn medizinisch zu versorgen, doch die weigerten sich. Stattdessen forderten sie die anderen Häftlinge auf, Bescheid zu sagen, wenn Ayham tot sei. Fünf Tage später war Ayman seinen Verletzungen erlegen.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, was mit Ayham passiert war. Ich habe das alles erst Monate später von einem der Mithäftlinge erfahren, der bis zu Aymans Tod in der Zelle neben ihm saß.

Danach hielten wir eine Trauerzeremonie für Ayham ab. Doch einige Tage später gab es Gerüchte in seinem Freundeskreis, er lebe doch noch und sei weiterhin im Gefängnis. Eineinhalb Jahre lang bin ich immer wieder zum Militärgericht, zur Militärpolizei und zu den verschiedenen Geheimdienstabteilungen gegangen, um zu fragen, ob mein Sohn noch lebt oder nicht. Niemand gab mir Auskunft; schließlich wurde ich zu einem Militärkrankenhaus geschickt und dort endete meine Suche: Sie gaben mir den Totenschein, der das Datum bestätigte, das mir Ayhams Mithäftling genannt hatte: 11. November 2012.

Nicht mehr als Haut und Knochen

Trauern konnte ich nicht. Ich hatte keinen Toten, den ich begraben konnte. Ich verbrachte Monate damit, von den Behörden zu erfahren, wo der Leichnam meines Sohnes ist. Sie weigerten sich und gaben mir stattdessen eine Zahl: 320. Unter dieser Nummer wurde Ayhams Tod in den Akten vermerkt.

2015 bin ich aus Syrien geflohen, weil ich Angst hatte, dass das Regime mich und meine anderen Kinder verfolgt. Zu der Zeit waren die Fotos von Caesar bereits veröffentlicht, die den Horror von Assads Tötungsmaschinerie offenbarten.

Der Mann, der unter dem Decknamen Caesar bekannt wurde, war als Militärfotograf angestellt und hatte vom Regime nach der Revolution den Auftrag erhalten, Fotos von den Folteropfern zu machen. Was er in den Gefängnissen sah, schockierte ihn so, dass er die Seiten wechselte. Im August 2013 ist Caesar aus Syrien geflohen mit mehr als 55.000 Fotos von rund 11.000 zu Tode gequälten Inhaftierten. Sie zeigen eingefallene Brustkörbe, zerschlagene Gebisse, hervorquellende Augen. Viele Inhaftierte waren zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht mehr als Haut und Knochen.

Als die Fotos veröffentlicht wurden, brachte ich es nicht über mich, sie alle durchzusehen, um Ayhams Gesicht zu suchen. Ein Bekannter hat es gemacht – und ein Foto von Ayhams Leiche gefunden.

Caesars Bilder sind der wichtigste Beweis der systematischen Massenvernichtung, die bis heute in den syrischen Gefängnissen stattfindet. Deswegen habe ich mit anderen Hinterbliebenen die Caesar Families Association gegründet. Seit 2017 lebe ich in Berlin, wo ich andere Angehörige von Menschen getroffen habe, die in Assads Gefängnissen verschwunden sind, die gefoltert oder getötet wurden. Wir sind in Kontakt mit syrischen Familien im Libanon, in der Türkei und in europäischen Ländern.

Wir arbeiten daran, dass die, die diese Dinge getan haben, zur Rechenschaft gezogen werden. Wir wollen wissen, wo die Leichen begraben sind. Und wir fordern mehr psychologische und rechtliche Unterstützung für die Familien der Opfer.

Ohne Gerechtigkeit kein Frieden

Die internationale Gemeinschaft kann nicht über den Wiederaufbau Syriens sprechen, solange die Verbrecher unbestraft bleiben. Wer heute durch Damaskus  läuft, weiß, dass unter seinen Füßen, unter der Erde Menschen in Gefängnissen festgehalten werden. Es kann nicht sein, dass trotzdem in den europäischen Parlamenten über Finanzhilfen für Syrien debattiert wird. Das Geld darf nicht einem kriminellen Regime zugutekommen, es sollte genutzt werden, Organisationen zu unterstützen, die versuchen, Gerechtigkeit herzustellen.

Deutschland und Frankreich haben mit den ersten Festnahmen und internationalen Haftbefehlen gegen Verantwortliche von Assads Folterapparat erste Schritte getan. In Schweden haben kürzlich neun Folterüberlebende Strafanzeige gegen hochrangige Angestellte des Regimes gestellt.

Wir hoffen, dass es mehr Fälle wie diese geben wird. Ob sie zu einer Bestrafung führen werden, bleibt abzuwarten. Aber sie haben einen großen symbolischen Wert: für das Assad-Regime, das spüren muss, dass es nicht weiterhin ungestraft mit allem davonkommen kann; und für die internationale Gemeinschaft, die verstehen muss, dass es keinen Frieden in Syrien geben kann, solange die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden."