"Ich komme aus einem Vorort von Damaskus, wo ich mehr als 30 Jahre als Erzieherin und Schulleiterin gearbeitet habe. Ich hatte drei Söhne, jetzt habe ich nur noch zwei. Der jüngste von ihnen wurde vom syrischen Regime umgebracht.

Als die Revolution in Syrien begann, studierte Ayham Zahnmedizin. Wie viele junge Leute hatte er sich den Protesten angeschlossen. Er wurde das erste Mal im Februar 2012 verhaftet, weil er für das Syrian Center for Media Expression and Freedom (SCM) die Menschenrechtsverletzungen des Regimes dokumentierte. Er wurde gefoltert, weil er aus einem Viertel kam, in dem viele Assad-Unterstützer lebten, und er als Regimekritiker bekannt war.

Nach wenigen Monaten wurde er freigelassen, doch unsere Freude währte nur kurz. Am 5. November des gleichen Jahres wurde er erneut verhaftet. Er war an dem Tag an der Universität in Damaskus. Er wollte gerade nach Hause gehen, als ihn am Checkpoint Mitglieder des Studentenwerks festhielten.

Die Syrerin Mariam al Hallak ist Mitgründerin der Caesar Families Association, die sich für die Rechte der Hinterbliebenen von Gefangenen in Syrien einsetzt. © Mohamad Abdullah

Sie brachten ihn in den Trakt der Humanmedizin. Dort nutzen die Vertreter des Studentenwerks, unbeirrbare Assad-Unterstützer, bis heute ein Büro als Folterzentrum. Sie folterten Ayham mehrere Stunden lang und schlugen so heftig auf seinen Kopf, dass er wegen starker innerer Blutungen das Bewusstsein verlor.

Von dort brachten sie ihn in die Niederlassung 215 des Militärgeheimdienstes in Damaskus in eine Zelle. Die Mitgefangenen flehten die Wärter an, ihn medizinisch zu versorgen, doch die weigerten sich. Stattdessen forderten sie die anderen Häftlinge auf, Bescheid zu sagen, wenn Ayham tot sei. Fünf Tage später war Ayman seinen Verletzungen erlegen.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, was mit Ayham passiert war. Ich habe das alles erst Monate später von einem der Mithäftlinge erfahren, der bis zu Aymans Tod in der Zelle neben ihm saß.

Danach hielten wir eine Trauerzeremonie für Ayham ab. Doch einige Tage später gab es Gerüchte in seinem Freundeskreis, er lebe doch noch und sei weiterhin im Gefängnis. Eineinhalb Jahre lang bin ich immer wieder zum Militärgericht, zur Militärpolizei und zu den verschiedenen Geheimdienstabteilungen gegangen, um zu fragen, ob mein Sohn noch lebt oder nicht. Niemand gab mir Auskunft; schließlich wurde ich zu einem Militärkrankenhaus geschickt und dort endete meine Suche: Sie gaben mir den Totenschein, der das Datum bestätigte, das mir Ayhams Mithäftling genannt hatte: 11. November 2012.

Nicht mehr als Haut und Knochen

Trauern konnte ich nicht. Ich hatte keinen Toten, den ich begraben konnte. Ich verbrachte Monate damit, von den Behörden zu erfahren, wo der Leichnam meines Sohnes ist. Sie weigerten sich und gaben mir stattdessen eine Zahl: 320. Unter dieser Nummer wurde Ayhams Tod in den Akten vermerkt.

2015 bin ich aus Syrien geflohen, weil ich Angst hatte, dass das Regime mich und meine anderen Kinder verfolgt. Zu der Zeit waren die Fotos von Caesar bereits veröffentlicht, die den Horror von Assads Tötungsmaschinerie offenbarten.

Der Mann, der unter dem Decknamen Caesar bekannt wurde, war als Militärfotograf angestellt und hatte vom Regime nach der Revolution den Auftrag erhalten, Fotos von den Folteropfern zu machen. Was er in den Gefängnissen sah, schockierte ihn so, dass er die Seiten wechselte. Im August 2013 ist Caesar aus Syrien geflohen mit mehr als 55.000 Fotos von rund 11.000 zu Tode gequälten Inhaftierten. Sie zeigen eingefallene Brustkörbe, zerschlagene Gebisse, hervorquellende Augen. Viele Inhaftierte waren zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht mehr als Haut und Knochen.

Als die Fotos veröffentlicht wurden, brachte ich es nicht über mich, sie alle durchzusehen, um Ayhams Gesicht zu suchen. Ein Bekannter hat es gemacht – und ein Foto von Ayhams Leiche gefunden.

Caesars Bilder sind der wichtigste Beweis der systematischen Massenvernichtung, die bis heute in den syrischen Gefängnissen stattfindet. Deswegen habe ich mit anderen Hinterbliebenen die Caesar Families Association gegründet. Seit 2017 lebe ich in Berlin, wo ich andere Angehörige von Menschen getroffen habe, die in Assads Gefängnissen verschwunden sind, die gefoltert oder getötet wurden. Wir sind in Kontakt mit syrischen Familien im Libanon, in der Türkei und in europäischen Ländern.

Wir arbeiten daran, dass die, die diese Dinge getan haben, zur Rechenschaft gezogen werden. Wir wollen wissen, wo die Leichen begraben sind. Und wir fordern mehr psychologische und rechtliche Unterstützung für die Familien der Opfer.

Ohne Gerechtigkeit kein Frieden

Die internationale Gemeinschaft kann nicht über den Wiederaufbau Syriens sprechen, solange die Verbrecher unbestraft bleiben. Wer heute durch Damaskus  läuft, weiß, dass unter seinen Füßen, unter der Erde Menschen in Gefängnissen festgehalten werden. Es kann nicht sein, dass trotzdem in den europäischen Parlamenten über Finanzhilfen für Syrien debattiert wird. Das Geld darf nicht einem kriminellen Regime zugutekommen, es sollte genutzt werden, Organisationen zu unterstützen, die versuchen, Gerechtigkeit herzustellen.

Deutschland und Frankreich haben mit den ersten Festnahmen und internationalen Haftbefehlen gegen Verantwortliche von Assads Folterapparat erste Schritte getan. In Schweden haben kürzlich neun Folterüberlebende Strafanzeige gegen hochrangige Angestellte des Regimes gestellt.

Wir hoffen, dass es mehr Fälle wie diese geben wird. Ob sie zu einer Bestrafung führen werden, bleibt abzuwarten. Aber sie haben einen großen symbolischen Wert: für das Assad-Regime, das spüren muss, dass es nicht weiterhin ungestraft mit allem davonkommen kann; und für die internationale Gemeinschaft, die verstehen muss, dass es keinen Frieden in Syrien geben kann, solange die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden."